Letztes Update am Mo, 09.01.2017 08:03

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


25. Resonanzen - Peter Reichelt: „Bin sehr zufrieden mit den Freaks“



Wien (APA) - Der Jänner ist in Wien traditionell die Zeit des Alte-Musik-Festivals Resonanzen. Heuer wird die 25. Jubiläumsausgabe begangen, die unter dem Motto „Freizeiten“ steht. Dafür versammelt man zwischen dem 21. und 29. Jänner wieder ein Programm zwischen Händels kürzester Oper „Lucio Cornelio Silla“ mit Stars wie Vivica Genaux oder Roberta Invernizzi und Jagdmusik des Ensembles Zefiro.

Die traditionelle Zurschaustellung des historischen Instrumentenbaus oder das Essenskonzert wird durch Evangelina Mascardis konzertante Bearbeitung von Baldassare Castigliones „Buch des Hofmanns“ oder das Konzert der Resonanzen-Debütanten Graindelavoix aus Belgien ergänzt, die unter Björn Schmelzer „Music for a better sleep“ interpretieren und das Publikum mit Wiegenlieder der Renaissance hoffentlich wachhalten werden. Aus gegebenem Anlass sprach die APA mit Dramaturg Peter Reichelt über seine Abneigung gegen den Mainstream, seine Zuneigung zu Stringenz und Gefahren für die Alte Musik.

APA: Die Alte Musik hat sich im Vergleich zum Beginn vor 25 Jahren im Konzertbetrieb durchgesetzt. Haben die Resonanzen trotzdem noch ihre Berechtigung?

Reichelt: Auf jeden Fall. Schließlich kommt es natürlich immer darauf an, was man daraus macht. Die Stringenz unseres Konzept hat sich bewährt. Als ich vor neun Jahren von Christian Lackner übernommen habe, nahm ich mir fest vor, die Resonanzen gegen alle Aufweichungstendenzen zu verteidigen. Mein Ziel war, das Festival noch stringenter zu machen: Noch mehr Konzept, noch weniger Zufall. Und ich habe es um die Filmschiene erweitert. Das Konzerthaus lebt das als Mehrspartenhaus vor - und ich habe mir vorgenommen, das auch bei den Resonanzen zu spiegeln.

APA: Haben Sie eine Vision für die kommenden Jahre? Wie müssen sich die Resonanzen verändern?

Reichelt: Was sich ein bisschen abzeichnet, ist dass die Dichte - wir machen jetzt 25 Veranstaltungen in neun Tagen - nicht zu halten ist. Vielleicht strecken wir das Ganze mit mehr Programm, aber dafür länger. Die totalen Freaks, die jeden Abend kommen, sind nicht das, von denen Herr Naske (Konzerthaus-Intendant, Anm.) träumt. Und viele Menschen, die sogenannte Masse, sind von der Dichte des Programms überfordert.

APA: Ziel ist also, den prozentuellen Anteil der Hardcorefans am Publikum zu reduzieren?

Reichelt: Das ist sicher eine Absicht und ein Kalkül von anderswo. Ich persönlich bin sehr zufrieden mit den Freaks und mit dem speziellen Publikum. Aber natürlich gibt es auch wirtschaftliche Gesichtspunkte. Ich bin bis jetzt immer vom Mainstream verschont worden. Das wurde da nicht hineingepfercht, von keiner Führungsperson. Aber wer weiß, vor so etwas ist man nie gefeit. Möglich ist alles.

APA: Wie sehen Sie allgemein die Lage der Alten Musik derzeit?

Reichelt: Es zeichnet sich eine sehr negative Entwicklung ab: Immer mehr Ensemble konzentrieren sich auf den beschränkten Bereich des 18. Jahrhunderts. Da gehen viele Festivals mit. Wo bleibt aber die wirklich Alte Musik, das 15., das 16. Jahrhundert? Es gibt sehr wenig gute Ensembles für die ganz alte Musik und sehr viele - inklusive viel Schrott - für die etwas jüngere.

APA: Für die heurigen Resonanzen haben Sie als Motto den Begriff „Freizeiten“ gewählt. Wie sind Sie darauf gekommen?

Reichelt: Vielleicht, weil ich so wenig Freizeit habe. (lacht) Es ist schlicht ein Thema, das jeden angeht. Wie es für die alte Zeit aufzufassen ist, ist etwas anderes. Auch wenn „Freizeit“ ein Begriff des Industriezeitalters ist, gab es die Auszeit wie den Karneval immer schon. Und hatte der Adel nicht eigentlich nur Freizeit?

APA: Legen Sie das Motto immer am Beginn der Arbeit fest, oder erst, wenn das Programm schon steht?

Reichelt: Das steht immer am Beginn. Umgekehrt wäre es der einfachere Weg - so erreicht man aber keine Stringenz, sondern bestenfalls Zufallstreffer. Was wir machen, ist schließlich handverlesen. Die Programme der Künstler werden meist im Dialog eigens für Wien entwickelt.

APA: Wie wichtig ist Ihr persönlicher Geschmack für das Festivalprogramm?

Reichelt: Als ich übernommen habe, war eine gewisse geschmäcklerische Allüre schon zu erkennen. So war die französische Musik skandalös unterbelichtet. Mittlerweile hält es sich die Waage. Unser Anspruch ist, die Breite abzudecken mit den Besten, die wir bekommen können. Ob mir das persönlich gefällt, ist nicht so wichtig.

(Das Gespräch führte Martin Fichter-Wöß/APA)

(S E R V I C E - https://konzerthaus.at/resonanzen)




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