Letztes Update am Fr, 26.10.2018 10:24

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


56. Viennale - Begehren in Finken-Volieren: „Casanovagen“



Wien (APA) - Weibliche Zebrafinken gehen fremd, obwohl sie evolutionsbiologisch keinen Vorteil daraus ziehen. Sie erben das „Casanova-Gen“ von ihren Vätern und können nicht anders, fand das Max-Planck-Institut heraus. Die Regisseurin Luise Donschen nahm dies zum Ausgangspunkt für ihren Essay „Casanovagen“. Er läuft am Samstag bei der Viennale und führt nach Venedig, zur Domina und in John Malkovichs Garderobe.

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Kalauer mit fickenden Finken und Vögeln beim Vögeln lägen auf der Hand, wenn man zum Auftakt dem Ornithologen Wolfgang Forstmeiner und seinen Ausführungen zum Kopulationsverhalten der Zebrafinken lauscht. Aber dafür nimmt Donschen ihre Themen viel zu ernst. Schon die Einstiegsszene, eine als rosa Vogel gewandete Karnevalsgestalt wird im venezianischen Morgennebel von Touristen umringt, könnte skurril sein, bleibt aber bedeutungsschwanger.

Der evolutionsbiologische Blick auf das Phänomen Promiskuität reicht der Filmemacherin nicht, das wird im Interview mit dem Vogelforscher deutlich. Und so macht sie sich auf eine in 16 mm Film festgehaltene Reise durch die Welt des menschlichen Begehrens. Venedig steht nicht von ungefähr am Anfang, denn Giacomo Casanova ist nicht nur Namensgeber des Finken-Gens, sondern der prototypische Verführer, eine Gestalt der Weltliteratur, die bis heute fleißig rezipiert wird.

Wie 2015 in Michael Sturmingers „Casanova Variationen“ mit John Malkovich in der Titelrolle. Und er ist quasi der Star in Donschens Film: Sie filmt ihn in seiner Garderobe bei der Verwandlung von Casanova zu Malkovich und interviewt ihn übers Verführen, Begehren, über Temperament versus Charakter. Der Schauspieler antwortet mal nonchalant, mal verschmitzt, eine Gratwanderung zwischen den beiden Identitäten. Und wie detailliert sein Küsschen auf Donschens Wange im Drehbuch stand, wüsste man schon gerne.

Weitere der lose verschränkten Episoden zeigen Kinder in einem Wald, zärtliche Szenen im Sado-Maso-Studio, eine wie aus der Zeit gefallene Bar mit Zigarettenautomat und statischen Gästen, von denen nur ganz am Ende einer zu den Klängen von Kate Bushs „Wuthering Heights“ kontrolliert die Contenance verliert. Ein Besuch im Kloster mit filmischen Reflexionen über den Körperbegriff in der eucharistischen Wandlung findet ebenso Platz wie ein (weiblicher) Orgasmus unter Hypnose.

Insgesamt etwas viele Szenen und etwas viele Themen, und deshalb beginnt man auf halber Strecke zu rätseln, was denn der Punkt ist. Der biologische Determinismus des weiblichen Begehrens? Das Verhältnis von Verführung, Sexualität und Macht, von Milieu und Vererbung? Konstruktionen von biologischem und sozialem Geschlecht? Viele akademische Buzzwords der vergangenen 20 Jahre gehen einem in den 67 Minuten „Casanovagen“ durch den Kopf. Resultat ist eine gewisse narrative Konfusion - auf der inhaltlichen Ebene. Denn die präzise Bildsprache (Kamera: Helena Wittmann) setzt deutlich dagegen und macht das „Casanovagen“ im Wortsinn sehenswert.

(S E R V I C E - „Casanovagen“ läuft bei der Viennale am 27. Oktober um 15.30 Uhr im Künstlerhaus und am 28. Oktober um 18.00 Uhr im Metrokino. https://www.viennale.at/de/film/casanovagen)




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