Letztes Update am Do, 15.11.2018 13:49

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


„Blutige Diktatur“ - Ehepaar Yunus will über Aserbaidschan aufklären



Wien (APA) - Die Bürgerrechtler Leyla und Arif Yunus sind nicht nur beruflich, sondern auch privat ein Paar. Sie haben es sich zur Aufgabe gemacht, über die Zustände in ihrem Heimatland Aserbaidschan aufzuklären, wo sie 2014 ins Gefängnis gesteckt und zu langen Haftstrafen verurteilt wurden. „Niemand im Westen hat eine Idee, dass es dort eine blutige Diktatur gibt“, sagte Leyla Yunus am Donnerstag in Wien.

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In mühevoller Kleinarbeit informieren die beiden nicht erst seit ihrer Emigration in die Niederlande über das Schicksal politisch Verfolgter in Aserbaidschan. Auf seiner Webseite dokumentiert das Ehepaar Yunus Menschenrechtsverletzungen, reist zu Vorträgen in westliche Länder und schreibt gegen das Unrecht an, das die regierende Schicht um Präsident Ilham Aliyev über das Land gebracht habe. „Aufmerksamkeit auf die Situation zu lenken, ist das Wichtigste“, erklärte Leyla Yunus, 2014 Trägerin des Sacharow-Preises für Menschenrechte.

Mit ihrem Mann hat sie soeben im Löcker Verlag das Buch „Vom sowjetischen Lager zum aserbaidschanischen Gefängnis“ vorgelegt. Darin schreiben die Historiker und Aktivisten unter anderem von ihrer Zeit in Haft in unterschiedlichen aserbaidschanischen Gefängnissen. 2014 waren die Eheleute auf dem Weg nach Katar auf dem Flughafen in Baku festgenommen worden - wegen angeblicher Spionage für das Nachbarland Armenien. Arif wurde zu einer siebenjährigen Haftstrafe verurteilt, Leyla fasste achteinhalb Jahre aus.

Im Gefängnis habe sich bei beiden der Gesundheitszustand dramatisch verschlimmert. Arif sei in seiner Zelle in einem ehemaligen KGB-Gebäude gefoltert worden. Westliche Politiker, der Europarat, Reporter ohne Grenzen und andere Nicht-Regierungs-Organisationen setzten sich schließlich für sie ein.

Ohne Medikamente und rechtzeitige Hilfe „wäre ich wohl gestorben“, sagte Leyla Yunus. Vor allem dank Unterstützung aus Deutschland, wo ein Arzt aus der ehemaligen DDR eine notwendige Operation ermöglicht habe, sei dann 2015 die Ausreise gelungen. In den Niederlanden hatte schon seit Längerem ihre Tochter gelebt.

Der wahre Auslöser für die Inhaftierung sei 1995 die Gründung des „Instituts für Frieden und Demokratie“ gewesen, einer NGO für den Schutz der Menschenrechte, meinte Leyla Yunus. Außerdem engagierte sich das Tandem für die Aussöhnung zwischen Aserbaidschan und Armenien. „Wir waren ziemlich populär in Aserbaidschan“, sagte Yunus, deren Karriere als Dissidentin noch während der Zeit der Sowjet-Diktatur begann, wie sie erzählte.

In dem Riesenreich habe es zwischen den einzelnen Sowjetrepubliken eine gewisse Solidarität gegeben. „Aber jetzt stehen wir alleine da“, kommentierte Yunus den Status quo in Aserbaidschan. Der Staat am Kaspischen Meer werde von einer Führungsschicht dominiert, die noch immer von der „Mentalität des KGB“ durchsetzt sei. „Der Präsident kauft Politiker“, stellte Leyla Yunus klar. Kritiker würden wegen fingierten Gründen verhaftet.

Eine bekannter Trick der Machthaber sei es etwa, bei unliebsamen Personen zunächst die Telefonnummer herauszufinden. Diese Nummer werde dann mehrmals von Anschlüssen aus Armenien angerufen. So würden die Behörden selbst jene Indizien schaffen, mit denen nicht genehme Bürger als Spione „enttarnt“ würden.

Auch Zwangsräumungen und Folter seien an der Tagesordnung, aber sogar Exekutionen würden stattfinden. Aktuell gebe es 150 politische Gefangene. Vor allem „Anwälte, Journalisten, Schriftsteller und Aktivisten“, erklärte Arif Yunus.

Der Westen nehme an all dem keinen Anstoß. Es würden vielmehr noch Wirtschaftsabkommen und andere partnerschaftliche Verträge abgeschlossen. Für Österreich unterzeichnete Vizekanzler Heinz-Christian Strache (FPÖ) im September eine Erklärung über die wirtschaftliche Zusammenarbeit. Bürger in westlichen Staaten sollten diese Praxis ihrer Politiker grundsätzlich hinterfragen, betonte Leyla Yunus. „Fragten Sie (EU-Außenbeauftragte Federica; Anm.) Mogherini!“, warf sie ein. „Kritisiert Eure Politiker! Verlangt Sanktionen gegen Diktatoren!“

(SERVICE: Leyla Yunus, Arif Yunus: Vom sowjetischen Lager zum aserbaidschanischen Gefängnis. Löcker Verlag 2018, 200 Seiten. ISBN 978-3-85409-929-1)




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