Letztes Update am Mo, 14.01.2019 15:19

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Erstmals Parlamentarierin mit Transidentität in Deutschland



München (APA/AFP) - Es ist eine Premiere in der deutschen Parlamentsgeschichte: In der nächsten Sitzung des bayerischen Landtags am 23. Jänner wird aus dem Grünen-Abgeordneten Markus Ganserer die Grünen-Abgeordnete Tessa Ganserer. Ganserer fühlt sich seit Jahren als Frau und wird nun zur ersten Abgeordneten mit Transidentität in Deutschland.

Die Information darüber verbindet sie am Montag mit der Forderung, dass künftig jeder in Deutschland ohne psychologisches Gutachten beim Standesamt sein Geschlecht ändern können sollte.

Eine Perücke mit deutlich über die Schultern reichenden blonden Haaren, dezenter Lippenstift und Schminke - so zeigt sich die Abgeordnete am Montag vor Journalisten. Noch im Wahlkampf zur Landtagswahl im Oktober trat die 1977 im niederbayerischen Zwiesel geborene Ganserer mit Vollbart auf.

Ganserer ist verheiratet, mit ihrer Frau hat sie zwei Kinder. Vor etwa zehn Jahren zog Markus Ganserer ein Kleid seiner Frau an. Das sei das Schlüsselerlebnis auf dem Weg zur Erkenntnis gewesen, sich selbst als Frau zu sehen.

Die zehn Jahre dazwischen beschreibt Ganserer als schwierigen Prozess. Sie habe sich schwergetan, sich selbst so zu akzeptieren. Irgendwann sei es aber nicht mehr anders gegangen, habe sie ihr Frausein nicht unterdrücken wollen. „Das Leiden, das Sie da durchmachen, das ist irgendwann so schwer, so hart, dass Sie es einfach nicht aushalten.“

Nach zwei Jahren habe sie sich ihrer Ehefrau offenbart. Im Laufe der Zeit lebte sie ihr Frausein immer häufiger. „Tausendmal“ habe sie dann vor ihrem Comingout abgewogen. Noch Ende vergangenen Jahres kündigte Ganserer an, nur ab und zu als Frau in Erscheinung treten zu wollen. Doch inzwischen steht die Entscheidung - ab jetzt gibt es nur noch Tessa, nicht mehr Markus Ganserer.

Eine operative Geschlechtsumwandlung strebt sie nicht an. Laut Personalausweis ist Ganserer weiterhin ein Mann. Um das beim Standesamt zu ändern, sind nun Psychologengutachten nötig. Dieses Prozedere sei diskriminierend, kritisiert sie und fordert eine Änderung des über 30 Jahre alten Transsexuellengesetzes. Dies müsse zu einem Gesetz zur Anerkennung der selbst bestimmten Geschlechtsidentität werden.

Im Landtag allerdings gilt Ganserer nun bereits als Frau. Bayerns Landtagspräsidentin Ilse Aigner (CSU) traf sich vergangene Woche mit der Grünen zu einem Gespräch.

Die CSU-Politikerin nahm den Wunsch nach dem Identitätswechsel mit der sprichwörtlichen Liberalitas Bavariae: „Aus einem Kollegen wird eine Kollegin - das sollte hier im Haus kein Problem sein und respektiert werden. Mir ist die Persönlichkeit eines Menschen immer wichtiger als das Geschlecht“, sagt Aigner.

Allerdings räumt die Christsoziale gleichzeitig ein, dass die Entscheidung der Fränkin sicher auch für viele im Landtag „gewöhnungsbedürftig“ sei. Viele Menschen könnten solch einen Wandel nicht nachvollziehen. Ganserer berichtet, aus Reihen der im Oktober in den Landtag eingezogenen AfD habe es bereits Diffamierungen gegeben.

Die Deutsche Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität hofft, dass Ganserers Schritt nun Signalwirkung zeigt. Es sei ein „Signal in den Rest der Republik“, sagt deren Vertreterin Petra Weitzel.

Auch die Bundesvereinigung Trans* sieht in der Grünen ein mögliches Vorbild, gerade im Kampf gegen die Diskriminierung: „Wir haben als Gesellschaft die Aufgabe, für den Schutz vor Diskriminierung und Gewalt für alle zu sorgen, ein Klima des gegenseitigen Respekts zu schaffen und die breite Vielfalt geschlechtlicher Identitäten anzuerkennen.“

Für dieses Klima will Ganserer im Landtag kämpfen - sie ist neue queerpolitische Sprecherin der Grünen.




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