Letztes Update am Di, 15.01.2019 12:35

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Deutschem Konjunkturboom geht vorerst die Luft aus



Berlin (APA/dpa) - Nach neun Jahren gerät der deutsche Daueraufschwung in Stocken - zumindest etwas. 2018 ließ das Wachstumstempo deutlich nach, das Bruttoinlandsprodukt (BIP) legte ersten Daten zufolge um 1,5 Prozent zu. Das ist das geringste Plus seit 2013 und eine Enttäuschung für alle, die zunächst deutlich mehr erwartet hatten.

Die Wirtschaftsleistung lag aber immer noch über dem Durchschnitt der vergangenen zehn Jahre. Auch für 2019 sehen Ökonomen trübere Aussichten für Europas größte Volkswirtschaft. Das hat vor allem politische Gründe.

Was bremst die deutsche Wirtschaft?

Die insbesondere von der Trump-Regierung der USA angeheizten internationalen Handelskonflikte und die Unwägbarkeiten des Brexit sorgen für Verunsicherung. Die Abkühlung der Weltkonjunktur, Turbulenzen an den Finanzmärkten einiger Schwellenländer und die Konjunkturabschwächung des wichtigen chinesischen Marktes belasten den Export. „Für die exportorientierte Industrie verlief das Jahr enttäuschend“, konstatierte Martin Wansleben, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK). „Eine weitere Zuspitzung der US-Handelskonflikte könnte die globale Konjunktur und damit auch die deutsche Wirtschaft empfindlich treffen.“

Was treibt die Konjunktur an?

Das Wachstum wird nach Einschätzung von Ökonomen auch in diesem Jahr vor allem vom privaten Konsum und vom Bauboom getragen. „Die Konjunktur ist hart im Nehmen, solange die solide Binnennachfrage sie stützt“, argumentiert Gustav Horn, wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung. Viele Menschen in Deutschland sind dank der historisch guten Lage auf dem Arbeitsmarkt und gestiegener Löhne in Konsumlaune. Zudem wirft Sparen wegen der Zinsflaute im Euroraum kaum noch etwas ab. Zwar ist die Kauflaune zum Jahresende etwas gesunken, nach Angaben der GfK-Konsumforscher ist sie aber nach wie vor sehr hoch. Der Anteil des privaten Konsums am BIP liegt bei gut 50 Prozent.

Wie hoch ist die Gefahr einer Rezession?

Nach einer Delle im dritten Quartal ist die deutsche Wirtschaft nach ersten Schätzungen des Statistischen Bundesamtes zum Jahresende 2018 wieder leicht gewachsen. „Deutschland schrammt an einer Rezession vorbei. ... Dass es bei einem blauen Auge blieb, ist vor allem dem robusten privaten Konsum und den Investitionen zu verdanken“, erläutert Thomas Gitzel, Chefökonom der VP Bank. Sinkt die Wirtschaftsleistung zwei Quartale in Folge, sprechen Volkswirte von einer Rezession. „Auch wenn die deutsche Wirtschaft den Höhepunkt im aktuellen Konjunkturzyklus hinter sich hat, hat sich die zwischenzeitliche Sorge vor einem wirtschaftlichen Absturz wohl als übertrieben rausgestellt“, argumentieren auch Volkswirte der Allianz.

Wie werden die Aussichten für heuer eingeschätzt?

Wirtschaftsforschungsinstitute, Bank-Ökonomen und internationale Organisationen hatten zuletzt ihre Prognosen für Deutschland nach unten korrigiert. Sie gehen aber davon aus, dass Europas größte Volkswirtschaft weiter wachsen wird - wenn auch schwächer als in den Boomjahren 2016 und 2017. Die Prognosen für 2019 reichen von 1,2 bis 1,8 Prozent Wachstum. „Alles in allem dürfte sich die deutsche Konjunktur im Frühjahr langsam fangen und die Wirtschaft wieder etwas stärker wachsen“, sagt Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer voraus.

Was sind die Risiken in diesem Jahr?

Ökonomen verweisen vor allem auf politische Unsicherheiten. Dazu zählen sie unter anderem die Handelspolitik der USA, die Unwägbarkeiten des Brexit, aber auch die Wahlen zum Europaparlament, bei der europafeindliche Parteien punkten könnten. „Für das gerade begonnene Jahr 2019 sind die Aussichten durchwachsen, vor allem weil die internationalen Großrisiken wie drohendes Brexit-Chaos und globale Handelskonflikte unverändert wie ein Damoklesschwert über der Wirtschaft hängen“, sagt beispielsweise KfW-Chefvolkswirt Jörg Zeuner.

Was bedeutet die Entwicklung für den Staatshaushalt?

Im vergangenen Jahr sorgten sprudelnde Steuern und Sozialbeiträge für einen Rekordüberschuss in der Staatskasse von rund 59,2 Milliarden Euro. Zudem profitiert der Fiskus von den Niedrigzinsen im Euroraum. Er kommt dadurch billiger an Geld. VP-Bank-Chefvolkswirt Gitzel hält die Zeit daher für „reif für ein großangelegtes Infrastrukturprogramm“. Finanzminister Olaf Scholz mahnt allerdings zur Vorsicht. „Die schöne Zeit, in der der Staat immer mehr Steuern einnimmt als erwartet, geht zu Ende“, sagte der SPD-Politiker kürzlich der „Bild am Sonntag“.




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