Letztes Update am Do, 17.01.2019 09:55

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Berenice Hebenstreit bringt „Watschenmann“-Roman auf die Bühne



Wien (APA) - Mit ihrem Debütroman „Watschenmann“ ist 2015 der Stern der Oberösterreicherin Karin Peschka aufgegangen. Es folgten einige Auszeichnungen, darunter der Publikumspreis beim Wettlesen um den Bachmann-Preis, sowie zwei weitere viel gelobte Bücher („FanniPold“ und „Autolyse Wien“). Am 31. Jänner kommt „Watschenmann“ erstmals auf die Bühne. Es inszeniert die 31-jährige Wienerin Berenice Hebenstreit.

Hebenstreit, die Theater-, Film- und Medienwissenschaft in Wien und Montreal studierte und danach als Regieassistentin am Burgtheater, am Schauspielhaus Graz und am Volkstheater Wien arbeitete, hat vor zwei Jahren bereits Barbi Markovics Roman „Superheldinnen“ erfolgreich für die Bühne adaptiert. Auch Peschkas Buch, in dem ein junger Mann im Nachkriegs-Wien sich als Blitzableiter zum Aggressionsabbau zur Verfügung stellt, um den noch immer wütenden „Kriegswurm“ zu besiegen, hat sie selbst vorgeschlagen und in zweimonatiger Arbeit gemeinsam mit dem Dramaturgen Michael Isenberg dramatisiert.

„Mich hat der Roman gleich gepackt und berührt - die Widersprüchlichkeit der 1950er-Jahre mit dieser großen Wiederaufbau-Erzählung, bei der aber viele Menschen auf der Strecke bleiben“, sagt Hebenstreit im APA-Interview. „Was hier beschrieben wird, trifft sich mit der zunehmenden Gewaltbereitschaft, die ich in unserer heutigen Gesellschaft wahrnehme. Ich lebe in der Nähe des Pratersterns. Das ist einer der Orte in Wien, wo man gesellschaftliche Grenzziehungen und ihre Verschiebungen auch unter Einsatz von polizeilicher Gewalt besonders deutlich wahrnehmen kann.“

Ungerechtigkeiten widerspruchslos hinzunehmen ist Hebenstreits Sache nicht. Sie ist Aktivistin bei Attac und Autorin des Online-Nachrichtenportals mosaik-blog.at. Dort hat sie auch Ergebnisse ihres Rechercheprojekts „Die Spielplan“ zu Geschlechterverhältnissen am Theater veröffentlicht. Auf großen Bühnen inszenieren zu 78 Prozent Männer, hat sie zusammen mit Michael Isenberg bei einer Untersuchung der Spielzeithefte österreichischer Theater für die Saison 2017/18 herausgefunden. „Frauen inszenieren vermehrt auf den Nebenspielstätten“, heißt es da etwa. Auch „Watschenmann“ kommt an der Nebenspielstätte des Volkstheaters, dem Volx/Margareten, heraus. Für Hebenstreit ist das völlig okay: „Es ist ein toller Stoff für die Nebenspielstätte. Der Kellerraum eignet sich sehr gut für dieses Zusammentreffen von Randfiguren der Gesellschaft. Und er ermöglicht große Intimität.“

Für das Volkstheater wird derzeit eine neue Leitung gesucht. Was sind Hebenstreits Ideen für die Zukunft des bekannt schwierig zu bespielenden Hauses, das sich zwischen Burgtheater und Theater in der Josefstadt behaupten muss? Zunächst einmal müsse man sich die Frage stellen, was eine große Bühne in Wien generell leisten solle, meint die Regisseurin. „Ich fände es interessant, sich die Frage der Diversität zu stellen, etwas, was weit über Geschlechtergrenzen hinaus reicht. Wie kann man ein Theater an soziale Bewegungen und aktuelle Ereignisse anbinden? Das sind Fragen, die mich selbst sehr beschäftigen. Was sind unsere Utopien? Welche großen Erzählungen können wir schaffen? Kritik erschöpft sich heute oft in Ironie und Dystopie. Es braucht aber auch die Utopie!“

Dazu gehöre auch die Suche nach neuen, flacheren Entscheidungsstrukturen und weniger Hierarchie - auch am Theater „als utopischer Lebensraum“. Explizit werden in der Volkstheater-Ausschreibung nicht nur Einzelpersonen, sondern auch Kollektive zur Bewerbung eingeladen. Mit neuen Mitbestimmungsformen beschäftigt sich Hebenstreit auch bei Attac. „Das muss nicht unbedingt Basisdemokratie sein. Es gibt viele Modelle. Man kennt zu wenige davon. Es braucht Mut, Ausdauer und den gemeinsamen Willen Ungewohntes auszuprobieren.“

Das Volkstheater brauche in jedem Fall mehr Geld und eine langfristige Finanzierungsgarantie, meint Hebenstreit. „Am Theater müssen gesellschaftliche Diskurse ohne Effizienz-Notwendigkeit abgebildet werden können. Im heutigen politischen Diskurs gibt es den Druck, zu vereinfachen und zu polarisieren. Dem muss das Theater mit dem Anspruch gegenübertreten, die Komplexität und Widersprüchlichkeit der Dinge zu behandeln.“

Nicht nur das Publikum, auch die Akteure könnten und sollten diverser sein, glaubt die Regisseurin: „Noch immer stammen 90 Prozent der Stücke von weißen Männern und haben männliche Protagonisten. Es ist reine Behauptung, man könne damit heutige Lebensrealitäten abbilden.“ Dass sie im „Watschenmann“ die Figur des jungen Heinrich mit einer Frau, nämlich Katharina Klar, besetzt hat, sei allerdings keine grundsätzliche Ansage: Einerseits verweigere der Bub ja die klassisch-männlichen Rollenzuschreibungen, andererseits habe sie einfach nach der bestmöglichen Besetzung gesucht.

Trotz ihrer Sehnsucht nach weniger Konkurrenz und mehr Gemeinsamkeit scheut sich Hebenstreit nicht vor der Führungsrolle einer Regisseurin. „Ich habe keine Angst vor Entscheidungen. Vielmehr ist Theater aber ein Prozess der gemeinsamen Aushandlung. Ich kann etwas entscheiden, aber wenn ich es nicht richtig kommunizieren kann, können es die SpielerInnen nicht nachvollziehen. Dann wird es auch nicht funktionieren.“

(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)

(S E R V I C E - „Watschenmann“ nach dem Roman von Karin Peschka, Regie: Bérénice Hebenstreit, Bühne und Kostüme: Mira König, Live-Musik: Hristina Susak. Mit Rainer Galke - Dragan, Katharina Klar - Heinrich, Sebastian Klein - Elmer, Birgit Stöger - Lydia. Uraufführung. Premiere am 31. Jänner, 20 Uhr, im Volx/Margareten, Wien 5, Margaretenstraße 166. Nächste Vorstellungen: 5., 12., 28.2., Karten: 01 / 52111-400, www.volkstheater.at)




Kommentieren