Letztes Update am Do, 07.02.2019 05:05

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Rabbi Schneier: Keine Nahost-Friedenslösung ohne die Golfstaaten



Wien (APA) - Der US-amerikanische Rabbi Marc Schneier glaubt, dass es keine Lösung des Nahost-Konflikts ohne die Beteiligung der Golfstaaten geben werde. Schneier, der Ratgeber im „König-Abdullah-Zentrum für interreligiösen und interkulturellen Dialog“ (KAICIID) in Wien ist, sagte im APA-Gespräch am Mittwoch weiters, „bis Ende 2019 werden ein oder zwei Golfstaaten diplomatische Beziehungen mit Israel haben“.

Die Golfstaaten und Israel hätten nicht nur eine gemeinsame Bedrohung in der Gestalt des Iran, sondern auch gemeinsame ökonomische Interessen. So hätte ihm vergangenen Frühling der saudische Botschafter in Washington, der Bruder von Kronprinz Mohammed bin Salman, gesagt, der Iran sei nur der zweitwichtigste Grund, warum die Golfstaaten mit Israel kooperieren wollten. Am wichtigsten sei den Golfstaaten die Zusammenarbeit mit Israel, um die ökonomische Transformation, weg von reinen Ölexport, zu gestalten.

Mohammed bin Salman hoffe, mit den saudischen Ressourcen und dem Wohlstand sowie israelischen Beratern und deren Technologie könnte „dies die großartigste wirtschaftliche Region der Welt werden“. Dasselbe habe ihm der Emir von Katar gesagt, so Schneier. Diese Einschätzung gebe es aber in der ganzen Golfregion. Zudem seien die Golfstaaten bestrebt, ihre Beziehungen mit den USA unter Präsident Donald Trump zu stärken, was nur durch eine Verbesserung der Beziehungen zu Israel gelingen könnte.

Die Lösung des Konflikts zwischen Katar und den anderen Golfstaaten sei den USA ein Anliegen, so Schneier. „Ironischerweise ist das für Israel ein gesunder Konkurrenzkampf.“ Jedenfalls sei es beeindruckend wie schnell die Transformation am Golf von statten gehe, sagte Schneier. Es finde dort gerade eine Revolution statt, was die interreligiösen Aktivitäten betreffe, betonte der Rabbi. „Das ist dort eine Top A-Priorität.“

So hätten von den sechs Golfstaaten fünf interreligiöse Zentren, nur Kuwait nicht, das Zentrum der Saudis sei das KAICIID in Wien. Kritik am KAICIID wies er zurück. Dies sei keine saudische Institution, sondern eine Partnerschaft zwischen Saudi-Arabien, Spanien und Österreich, so Schneier. Der Vatikan sei beobachtendes Gründungsmitglied. „Ich sage nicht, dass wir im Gelobten Land angekommen sind“, was die religiöse Vielfalt und Diversität am Golf betreffe, meinte er weiter. Die gute Nachricht sei aber, dass der Prozess begonnen habe.

Ebenso betonte Schneier, die Bedeutung von Israel als Nation der Juden. „Israel hat die ultimative Verantwortung, alle Juden weltweit zu schützen.“ Dazu sei es freilich notwendig, dass die Palästinenser einen eigenen Staat bräuchten, sagte der Rabbi, der sich seit Jahren für den Dialog zwischen Islam und Judentum stark macht.

Vor 15 Jahren habe er das starke Gefühl empfunden, dass die interreligiösen Beziehungen zwischen 1,6 Milliarden Muslimen und 16 Millionen Juden verbessert werden müssten. Seitdem sei viel gelungen, erklärte Schneier. Am wichtigsten sei aber, dass sich die religiösen Führer an die Spitze im Kampf gegen Antisemitismus oder Islamophobie setzen.

(Das Interview führte Martin Hanser/APA)




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