Letztes Update am So, 10.02.2019 11:24

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Psychose an der Bühnenrampe: „Lucia di Lammermoor“ an der Staatsoper



Wien (APA) - Es ist der Wahnsinn im Koloraturformat: „Lucia di Lammermoor“ von Gaetano Donizetti wird seit gestern, Samstag, Abend in einer neuen Produktion an der Wiener Staatsoper gespielt. Olga Peretyatko und Juan Diego Florez sorgen dabei für Belcanto deluxe. Regisseur Laurent Pelly inszenierte die Oper allerdings lieblos als klinische Psychose an der Bühnenrampe.

Die Opernliteratur ist für Best Practice-Beispiele weiblicher Selbstbestimmung bekanntlich kein sehr fruchtbares Feld. Je stärker die Frau, desto übler spielt ihr das Schicksal in der Regel mit. Bleibt der Tod oder - in einem weiteren frauenfeindlichen Topos - der Wahnsinn in Form von „Hysterie“. Meist gefolgt vom Tod, versteht sich. Auch die Geschichte der „Lucia di Lammermoor“ könnte man so erzählen. Unangepasste Frau wählt familiär abgelehnten Geliebten, schwört ihm die Treue, wird durch ihren Bruder ausgetrickst und anderweitig zwangsverheiratet und versinkt in der Hochzeitsnacht im Blutrausch, dem sie letztlich auch selbst zum Opfer fällt.

Laurent Pelly wählt einen etwas anderen Weg. Seine Lucia, mit Olga Peretyatko luxuriös besetzt, wandelt sich nicht von der verführerischen Lady zur durchgeknallten Mörderin. Vielmehr demonstriert er die Abwärtsspirale eines rettungslos psychotisch veranlagten Mädels in den klinisch beobachtbaren Verlust aller Ich-Funktionen als psychiatrisches Fallbeispiel mit Gesang. Schon bei ihrem ersten Auftreten trägt sie mit leicht schräg gehaltenem Kopf, rastlosem Um-Sich-Blicken und verstört eingezogenen Schultern die Insignien einer knapp unter der Oberfläche brodelnden Schizophrenie. Die Liebe ihres Edgardo bildet sie sich hauptsächlich ein. Es geht abwärts, weil es aufwärts gar nicht gibt.

Das hat durchaus seinen Reiz und bricht auf erfrischende Art mit dem „hysterischen“ Stereotyp. Peretyatko spielt das seltsame, verkrampfte Mädchen mit viel Detailliebe und erblüht endlich hingebungsvoll im frei fließenden Wahnsinn des dritten Aktes. Ihr farbenreicher Sopran beherrscht die langen Belcanto-Linien mit ungetrübtem Schönklang, sie vermittelt sich und das zerrüttete Seelenleben ihrer Figur mit zupackender Unbedingtheit - und wenn dabei nicht jede Spitze ganz genau sitzt, dann nehmen ihr das nur die i-Tüpferl-Reiter übel. Für die weltweit erprobte „Lucia“ bedeutete die Wiener Fassung, bei der Dirigent Evelino Pido auf die Originalpartitur setzte - die Kadenz der „Wahnsinnsarie“ wird ohne Begleitung gesungen - zudem auch musikalisch ein Umlernen.

Mit einer weniger charismatischen Sängerin ist diese „Lucia“ allerdings dem Untergang in Form von gnadenloser Langeweile geweiht. Denn Pelly hat sich für das Stück abseits des psychiatrischen Sachverhalts wenig interessiert. Neben Lucia gibt es keine Charaktere, keine Interaktion, kein Geschehen. Ein Superstar und passionierter Sängerdarsteller wie Juan Diego Florez tritt auf, liefert unter minutenlangem Applaus seine hell strahlenden Gustostückerl ab - und hat dabei aber auch gar nichts zu tun. Mit George Petean - durchwachsen als Enrico - wird an der Rampe verharrt und die Familienfehde ins Publikum geschmettert. Jongmin Park, für einen starken Raimondo gefeiert, bleibt ebenfalls ein Statist. Fast unfreiwillig komisch, wie wenig der Chor mit sich anzufangen weiß. All das auf einer Bühne (Chantal Thomas) von verwunderlicher Lieb- und Einfallslosigkeit.

Das Premierenpublikum feierte die Primadonna, geriet über Florez in Euphorie, bedachte Dirigent Pido - ein Spezialist für das Fach, der sich im Graben um große Beweglichkeit und sanfte Würze im Dienst der Sangeskunst bemüht - mit freundlicher Zustimmung und machte seinem Unmut gegenüber der Regie hörbar, aber nicht unflätig Luft. Mit Peretyatko gibt es bereits in einem Monat ein Wiedersehen am Ring - ab dem 10. März singt sie an der Seite von „Don Giovanni“ Peter Mattei die Donna Anna.

(S E R V I C E - „Lucia di Lammermoor“ von Gaetano Donizetti an der Staatsoper, Opernring 2, 1010 Wien. Dirigent: Evelino Pido, Regie und Kostüme: Laurent Pelly, Bühne: Chantal Thomas. Mit George Petean - Enrico, Olga Peretyatko - Lucia, Juan Diego Florez - Edgardo, ,Jongmin Park - Raimondo, Lukhanyo Moyake - Arturo, Virginie Verrez - Alisa, Leonardo Navarro - Normanno. Weitere Aufführungen am 12., 15., 18. und 21. Februar. www.wiener-staatsoper.at)




Kommentieren