Letztes Update am Di, 12.02.2019 23:19

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Lesung und Diskussion zum 30. Todestag: „Thomas Bernhard lebt!“



Wien (APA) - Mit einer Lesung von vier Dramoletten und einer Podiumsdiskussion in der Nebenspielstätte Kasino hat das Burgtheater den heutigen 30. Todestag des Dichters Thomas Bernhard begangen. „Vielleicht hätte er es insgeheim genossen“, meinte Dramaturg Hermann Beil zu der großen medialen Präsenz Bernhards in den vergangenen Tagen. „Anerkennung war ihm ja nicht unwichtig. Als Gegenpol zu den Anfeindungen.“

Im Gegensatz zu einem Diktum Werner Schneyders, von Thomas Bernhard werde zehn Jahre nach dessen Tod keine Rede mehr sein, habe sich die öffentliche Aufmerksamkeit seither immer mehr gesteigert, bemerkte Beil, der als Diskutant für den erkrankten Claus Peymann eingesprungen war: „Wo wird das hinführen?“ Beim 50. Todestag würden die Geschichten über Thomas Bernhard vermutlich weniger interessant sein als das Werk selbst, vermutete die Germanistin und Literaturkritikerin Daniela Strigl. Tatsächlich ging es in der von Günter Kaindlstorfer moderierten Diskussion über den „Übertreibungskünstler“ mehr über die Person, den Furor und die politische Haltung des einst wild Umstrittenen als über die Gründe der offenkundigen Haltbarkeit seines Schaffens.

Der Abend hatte mit der Lesung von vier Dramoletten durch Maria Happel, Elisabeth Orth, Petra Morzé und Dirk Nocker begonnen. „A Doda“, „Maiandacht“, „Match“ und „Der deutsche Mittagstisch“, alle Ende der 1970er bzw. Anfang der 1980er-Jahre entstanden (und ab 1987 in einer Inszenierung von Alexander Seer mit über 250 Vorstellungen die meistgespielte Burgtheater-Produktion aller Zeiten), setzen auf breiten Dialekt und die Wiedergabe von „Volkes Stimme“, die Aversionen zunehmend freien Lauf lässt. „Unterm Führer hätt‘s das nicht gegeben“, ist da zu hören, Türken „gehören vergast“, in Studentendemonstrationen sollte „ordentlich hineingeschossen“ werden. Nicht nur der Autor und Historiker Doron Rabinovici sah als einer der Mitdiskutanten eine erstaunliche Aktualität in diesen 40 Jahre alten Texten.

Die Autorin Barbi Markovic, die vor einigen Jahren Bernhards „Gehen“ in einem literarischen Remix unter dem Titel „Ausgehen“ in die Belgrader Clubszene transferiert hatte, berichtete von der Faszination, die seine Texte auch ohne Kenntnis von Vorgeschichte und Umfeld auf sie ausgeübt hatten. „Das Publikum liebte Thomas Bernhard, und auch die Schauspieler mochten ihn“, erzählte Beil aus der Theaterpraxis und überraschte mit der Information, dass Bernhard nicht nur ein Stück über Niki Lauda, sondern für Stuttgart auch ein Stück mit dem Titel „Das böse Omen“ für eine einmalige Silvestervorstellung habe schreiben wollen. „Wir hatten das sogar schon angekündigt. Er hat es nur leider nicht geschrieben.“

Wie es mit der „Verzwergung, Verkitschung, Veranekdotisierung“ des bereits zum Heiligen Thomas ausgerufenen einstigen Skandalautors stehe, wollte der Moderator wissen. „Die Verharmlosung funktioniert nur, wenn man sein Werk nicht liest“, zeigte sich Strigl sicher. Kaindlstorfers Fazit zum 30. Todestag: „Thomas Bernhard lebt!“




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