Letztes Update am Fr, 08.03.2019 13:25

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Expertinnen: „Beispiellose Fortschritte“ für Frauen in Afghanistan



Kabul (APA) - Für die afghanische Journalistin Sana Safi hat die Frauenbewegung in Afghanistan in den vergangenen 17 Jahren „beispiellose Fortschritte“ gemacht. „In den letzten zwei Jahren wurden sie auch stärker vom Staat unterstützt“, sagte sie im APA-Interview am Freitag in Wien. Afghanistan zählt bis heute als das gefährlichste Land für Frauen in Bezug auf Gesundheit, häusliche Gewalt und Diskriminierung.

Grund für diese Situation ist für die BBC-Journalistin, die in Afghanistan eine Bildungseinrichtung für Frauen leitete, der jahrzehntelange Krieg im Land. „Frauen mussten sich bisher vor allem um ihr Überleben kümmern“, sagte sie. Besonders die ländlichen Regionen seien betroffen, die schlechten Zugang zu öffentlichen Leistungen hätten. „Außerdem sind die Menschen sehr arm. Sie verlieren alles und können es sich nicht leisten, Hilfe für Dinge zu holen, die uns schockieren würden. Das ist für sie das tägliche Leben“, fuhr sie fort.

Präsident Ashraf Ghani unterstützt laut Sani die Frauenbewegung: „Es gibt auch immer mehr Frauen in der Regierung und die Ehefrau des Präsidenten unterstützt verschiedene Frauenrechtsgruppen aktiv. Das ist bisher noch nie geschehen und hat auch das Bewusstsein für dieses Thema in die Öffentlichkeit gebracht“, erklärte sie.

Für Orzala Nemat, die Leiterin des Think-Tanks „Afghanistan Research & Evaluation Unit“ (AREU) bestehen die Probleme für Frauen auch deshalb, weil die staatlichen Systeme noch nicht richtig funktionieren. „Vor 40 Jahren war Afghanistan zwar ein Entwicklungsland, hatte aber auch zumindest einige Institutionen, die sich den Bedürfnissen der Bevölkerung annahmen“, erörterte sie. Die Leistungen seien aber auch damals besonders auf die urbanen Zentren begrenzt und in ländlichen Regionen kaum abrufbar gewesen. „Nach dem Krieg gegen die Sowjetunion gab es de facto einen Bürgerkrieg, der von unseren Nachbarstaaten finanziert wurde, in dem unser öffentlicher Dienst zerstört wurde. In dieser Zeit kamen auch die Taliban an die Macht“, so die Wissenschafterin.

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Nemat berichtete, dass die Ankunft der US-Armee und ihrer Verbündeten 2001 auch mehr Entwicklungshilfe gebracht habe. „Die Ministerien hatten allerdings das Problem, dass sie ihr Budget nicht ausgeben konnten, weil die Budgetierung nicht professionell durchgeführt wurde“ Die Bedürfnisse der Bevölkerung sei zwar groß, die Infrastruktur allerdings kaum existiert. „Sie haben also Millionen an Dollar, die sie nicht ausgeben können“, erklärte sie.

Beide Expertinnen kritisierten zudem, dass bei den Friedensverhandlungen zwischen den Taliban und den USA die afghanische Bevölkerung nicht repräsentiert sei. „Der Konflikt besteht zwar zwischen den USA und den Taliban, aber gekämpft wird in Afghanistan“, so Nemat. Es sei daher besonders wichtig, dass die afghanische Regierung an diesen Gesprächen teilnehme. „Die Bürger des Landes können nicht von den USA repräsentiert werden und auch nicht von den Taliban“, unterstrich sie.

Laut Nemat fordern darum besonders Frauen ein Mitspracherecht und stellen die Frage nach der Partizipation von Frauen im öffentlichen Leben des zukünftigen Afghanistan. Die Forderung der Taliban, weibliche Journalisten zu verbieten, ist darum auch in der Zivilgesellschaft auf viel Ablehnung gestoßen. „Niemand will sich dem Terror, der Radikalisierung und einer Regierung, die auf Angst basiert, ergeben. Wir sind ein moderates Land und Afghanistan kann nur mit einem moderaten System überleben. Radikalisierung hat bei uns keinen Platz, weder von links noch von rechts“, so Nemat.

Dem stimmte auch Safi zu: „Diese Art der Verhandlungen, an denen die Menschen im Land wegen des Ausschlusses der demokratischen Regierung nicht teilnehmen, können dazu führen, dass die USA einer Lösung zustimmen, die für die Bürger nicht zufriedenstellend ist“, sagte sie. Die Menschen befürchteten, dass die USA übereilt das Land verlassen, um die eigene Bevölkerung zufriedenzustellen. „Dieser Fehler wurde bereits von den Sowjets gemacht und hatte ein Machtvakuum und einen Bürgerkrieg zur Folge. Man muss sicherstellen, dass die Institutionen nicht kollabieren“, fuhr die Journalistin fort.

Gleichzeitig riefen beide Expertinnen die internationale Gemeinschaft dazu auf, Afghanistan weiter zu unterstützen: „Nur weil die USA das Land verlassen wollen, kann die internationale Gemeinschaft nicht ihr Engagement beenden“, sagte Safi. Dürre bedrohe das Land, eine Million Kinder seien unterernährt und rund die Hälfte der Bevölkerung lebe unter der Armutsgrenze.

„Es ist für Afghanistan sehr riskant, wenn mit dem Rückzug der Truppen auch die finanzielle und materielle Unterstützung eingestellt würde“, sagte Nemat. „Wir würden die Situation der späten 90er Jahre wiederholen, was für die ganze Welt weitreichende Folgen hätte“, fuhr sie fort. Es sei also im allgemeinen Interesse, „Afghanistan zu sichern und vor terroristischen Netzwerken zu schützen, die das Land zu einem großen Trainingslager für Radikale auf der ganzen Welt machen wollen“, erläuterte die Wissenschafterin.

„Wenn das Land keine stabile Gesellschaft hat, die für ihre Bürger sorgen kann, werden die Menschen fliehen und nach Europa kommen“, analysierte die Journalistin. „Wenn Europa also weniger Flüchtlinge will, muss es sich in Afghanistan weiter engagieren und dort die Zivilgesellschaft fördern, damit der Staat seine Bürger unterstützen kann“, schlussfolgerte sie.

(Das Interview führte Martin Auernheimer/APA)




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