Letztes Update am Mi, 03.04.2019 08:25

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Robert Schindel will sich von Regierung „nicht deprimieren lassen“



Wien (APA) - Morgen, Donnerstag (4. April) begeht Robert Schindel seinen 75. Geburtstag. Sein eigentliches Geburtstagsfest hat er bereits am 26. März gefeiert. Im Literarischen Quartier Alte Schmiede in Wien haben Kollegen aus seinen Werken gelesen, er selbst las alte und neue Gedichte. „Es war voll und erfolgreich - ein sehr schöner Abend“, freut sich der Autor im Gespräch mit der APA.

Schindels bisher letzter großer Roman erschien 2013. „Der Kalte“ beschäftigt sich in epischer Breite mit dem Zusammenprall von Vergessen und Erinnerung, der in der zweiten Hälfte der 1980er-Jahre Österreich spaltete. Hauptfiguren sind ein Ex-Spanienkämpfer und KZ-Überlebender, ein ehemaliger KZ-Aufseher und ein Präsidentschaftskandidat mit NS-Vergangenheit und Erinnerungslücken. Es ist das Mittelstück einer mit „Gebürtig“ begonnenen Trilogie, die mit dem Roman „Genia oder Die lichte Zukunft“ (Arbeitstitel) abgeschlossen werden soll. Das Manuskript befindet sich noch immer „im fortgeschrittenen Anfangsstadium“, sagt der Autor. „Es fällt mir schwerer als gedacht.“

Der Grund liegt für Schindel auf der Hand: Die Hauptfigur Genia („Der Name hat mir bei Schnitzler so gut gefallen, leider ist er aus der Mode gekommen.“) ist seiner im Jahr 2008 95-jährig verstorbenen Mutter nachgebildet, die 1931 bis 1934 in der Sowjetunion gelebt hat. „Es ist die Geschichte einer Kommunistin im 20. Jahrhundert in Mitteleuropa, die alle Irrtümer und Dummheiten der Kommunisten mitgemacht hat. Ich möchte am Beispiel dieser Figur die Hoffnungen, Verwerfungen, Utopien, aber auch die Gedankenverbrechen dieser Generation darstellen. Im Namen der lichten Zukunft wurden viele Menschen umgebracht. Hierzulande waren die Kommunisten zwar in keine Verbrechen verstrickt, aber sie haben vieles gebilligt.“

Wann der Roman fertig wird, ist noch nicht abzusehen. An „Der Kalte“ habe er sechs Jahre geschrieben, die Hälfte des Buches jedoch schließlich in einem Dreivierteljahr „runtergeklopft“. Es gebe immer einen Punkt, an dem sich die Materialsammlung verselbstständige und sich die Geschichte quasi von selbst erzähle: „Wenn‘s dann galoppiert, galoppiert‘s.“ In jedem Fall stehe „Genia“ ganz oben auf seinem Arbeitsplan, schließlich habe er wohl nicht mehr endlos Zeit: „Solange ich noch bei Trost bin, versuche ich den Roman fertig zu machen. Gedichte bedürfen keiner so langen und konzentrierten Verweildauer.“ Und einen neuen Gedichtband wird es von Robert Schindel, dessen erster Lyrikband „Ohneland“ 1986 erschien, sicher wieder geben. Schließlich arbeitet er seit langem an dem Zyklus „Die Weltgeschichte des jüdischen Volkes in Gedichten“.

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Seine politischen Aktivitäten hat Schindel eingeschränkt. „Ich muss mich im letzten Viertel meines Lebens auch noch um andere Belange kümmern.“ Was aber keineswegs heißt, dass ihn die gegenwärtige politische Lage kalt lässt. „Es ist eine niederträchtige Regierung, vor allem der Teil davon, der Niederträchtiges plant und umsetzt, etwa im Sozialbereich. Die Regierung macht ja im Wesentlichen eine freiheitliche Politik und keine christlich-soziale Politik.“

„Wir Autorinnen und Autoren sollten uns vielleicht mehr einmischen, wie wir es im Jahr 2000 gemacht haben“, gibt Schindel zu. „Aber ich fühle mich dazu nicht in der Lage. Das hat vielleicht mit meinem Alter zu tun. Ich versuche, meine Sachen fertigzumachen und mich von dieser Regierung nicht deprimieren zu lassen.“

Die Tatsache, dass es sich dabei um eine demokratisch gewählte Regierung handle, dürfe scharfe Kritik nicht ausschließen: „Ich möchte darauf hinweisen, dass auch Hitler demokratisch gewählt wurde. Es sagt zunächst noch nichts aus, dass jemand demokratisch gewählt wurde. Es kommt darauf an, was er nachher macht. Es kann sein, dass er die Demokratie von innen zum Erodieren bringt - und das scheint mir bei Schwarz-Blau jetzt der Fall zu sein. Doch solange die Gewerkschaften so unpolitisch sind, wie sie jetzt sind, werden wir diese schleichende Orbanisierung und Kaczynskisierung erleiden müssen.“

Die Donnerstagsdemos begrüßt er, ebenso, dass diese von jungen Leuten organisiert werden. „Die Jungen müssen sich ihren Weg bahnen. Wir Alten unterstützen sie, aber viele von uns gehen nicht mehr ins Geschirr. Wir Alten sollten uns auch nicht so wichtig nehmen. Es ist ja nicht so, dass wir uns so sehr zu Vorbildern eignen - wenn ich etwa auf mich schaue.“ Die in „Genia“ thematisierte Kritik an der Linken sei „natürlich auch eine Kritik an meinen eigenen Irrungen und Verwirrungen. Ich war ja fünf Jahre bei den Maoisten. Vorbildhaft ist das ja nicht.“

Selbst sei er aber nie über den Kandidatenstaus hinausgekommen, betont Robert Schindel. „Das Misstrauen gegen die Intellektuellen war sehr groß, gegen jüdische Intellektuelle zumal. Ich bin ja auch nur unter ‚Stalin-Vorbehalt‘ in die Marxistisch-Leninistische Studentenorganisation eingetreten. Die Stalin-Verehrung hatte ich in meinen neun stalinistischen Jahren in der KPÖ schon erlebt - und war fertig damit.“

Glaubt der Autor, der einst auch in der Wiener Kommunenbewegung sehr aktiv war, an ein Revival einer linken Politik? „Ich hoffe darauf“, sagt er - und erzählt von früher: „Ich bin im April 1968 mit meiner damaligen Freundin gemütlich über den Boulevard Saint Michel spaziert. Es war eine friedliche, verschlafene Stadt. Einen Monat später gab es den Pariser Mai. Was unter der Oberfläche alles brodelt an barbarischen Dingen, aber vielleicht auch an erquickenden, erfreulichen, fortschrittlichen, kann niemand sagen.“

Fühlt sich der Autor auch in seiner ureigenen Profession zunehmend marginalisiert? Wer liest denn heute überhaupt noch? Schindel lacht. „In den 1880er-Jahren konnte ein großer Prozentsatz der Bevölkerung nicht sinnstiftend lesen - und es gab dennoch so viele große Schriftsteller. Sie waren alle in irgendwelchen Blasen. Es kommt immer nur darauf an, welche gesellschaftlichen Kräfte diese Blasen entwickeln. Kunst im Allgemeinen und Literatur im Besonderen muss ihre Aufgabe, darzustellen, was ist, wahrnehmen. Was davon in die Gesellschaft sickert, liegt außerhalb der Kräfte der Kunst.“

(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)




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