Letztes Update am Mi, 10.04.2019 09:32

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Perzi: Gemeinsames Geschichtsbuch wäre vor 20 Jahren unmöglich



Wien (APA) - Ein österreichisch-tschechisches Geschichtsbuch, wie es am Freitagabend in St. Pölten präsentiert wird, wäre vor 20 Jahren noch unrealistisch gewesen. „In den 90er-Jahren oder Anfang der 2000er-Jahre wäre so ein gemeinsames Buch nie möglich gewesen“, sagte Projektkoordinator Niklas Perzi im Gespräch mit der APA. Die Politik hätte das Vorhaben damals nicht unterstützt.

2014 erfolgte dann der Startschuss für das Werk „Nachbarn“. Dass es kein leichtes Unterfangen war, lässt sich erahnen. Keine zwei benachbarten Völker in Mitteleuropa würden die gemeinsame Geschichte so unterschiedlich interpretieren, erklärt der Historiker vom Zentrum für Migrationsforschung in St. Pölten. Perzi: „Gemeinsamkeiten erzeugen auch immer Differenzen und können Anlass für Konflikte sein wie in einer Familie.“

In der Arbeit an vielen Kapiteln des gemeinsamen Geschichtsbuchs habe es zwischen den beteiligten tschechischen und österreichischen Historikern keine interpretatorischen Probleme gegeben. Konsens gab es etwa in der Sicht beider Seiten auf die Monarchie oder die Zwischenkriegszeit. „Gespießt hat es sich dann ein bisschen in den Kapiteln 1938 bis 1948. Aber das war wenig überraschend“, berichtete Perzi.

„Bis 1938 war die Entwicklung mehr oder weniger parallel. Radikal auseinanderentwickelt hat es sich dann erst 1938/39, weil das deutsche Besatzungsregime in Österreich einen anderen Charakter hatte als in Böhmen und Mähren im Protektorat. Die Österreicher galten als Deutsche, mussten oder konnten einrücken, hatten alle Aufstiegschancen und die Tschechen wurden als Bürger 2. Klasse angesehen.“

Diskussion unter den mitwirkenden Historikern habe es auch über Opferzahlen gegeben. „Wie kann man zum Beispiel 240.000 gefallene österreichische Soldaten vergleichen mit tschechischen Opfern?“ Interessant sei dabei auch, dass „die Zahl der hingerichteten und im KZ umgekommenen Widerstandskämpfer respektive Regimegegner in beiden Ländern ziemlich gleich hoch ist - mit circa 30.000 bis 40.000.“

Beim Thema der Vertreibung der Sudetendeutschen habe es dagegen „keine große Diskussionen gegeben“. Auch die Bezeichnung der Vorfälle nach dem Zweiten Weltkrieg als „Vertreibung“ sei für die tschechischen Historiker kein Problem gewesen. Schwierig war es dagegen, Fotos aufzutreiben.

Das Buch zeichnet die Geschichte der beiden Nachbarn vom Mittelalter bis 2004 nach. Vor dem EU-Beitritt Tschechiens 2004 war der Streit um das südböhmische Atomkraftwerk Temelin und die Benes-Dekrete, die nach 1945 als Grundlage für die Vertreibung und Enteignung der deutschsprachigen Minderheit aus der damaligen Tschechoslowakei galten, eskaliert. „Die Kampagne gegen Temelin und die Benes-Dekrete haben für böses Blut gesorgt und Gegenreaktionen ausgelöst.“

Diese Streitthemen seien mittlerweile eigentlich „keine mehr“, sagte Perzi. Ein Paradigmenwechsel habe stattgefunden: Beide Länder seien gleichberechtigte EU-Mitglieder und könnten gemeinsame EU-Gelder für die Grenzregion lukrieren. Die beiden Staaten seien heute auf allen Ebenen des wirtschaftlichen, kulturellen, gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Lebens eng verflochten.

Damals habe Österreich in Zentraleuropa eine Führungsrolle beansprucht. Das sei gerade im Nachbarland nicht so positiv aufgenommen worden. Tschechen hätten sich bevormundet gefühlt. „Und auch die Kampagnen gegen Temelin und die Benes-Dekrete haben für böses Blut gesorgt und Gegenreaktionen ausgelöst.“ Der Streit um das südböhmische Atomkraftwerk und die Präsidentenerlässe, die nach 1945 als Grundlage für die Vertreibung und Enteignung der deutschsprachigen Minderheit aus der damaligen Tschechoslowakei galten, eskalierte.

Mittlerweile seien diese Streitthemen eigentlich „keine mehr“, sagte Perzi. Beide Länder seien gleichberechtigte EU-Mitglieder und könnten gemeinsame EU-Gelder für die Grenzregion lukrieren. Die beiden Staaten seien heute auf allen Ebenen des wirtschaftlichen, kulturellen, gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Lebens eng verflochten.

Die Idee für das Buch gab es 2004. „Sie ist aus der Zivilgesellschaft entstanden, also nicht von oben herab, sondern ‚bottom up‘ (von unten nach oben, Anm.) sozusagen“, berichtete Perzi. Die Politik hat 2009 die Historikerkommission (SKÖTH) gegründet. „Das Projekt konnte dann nach langem Hin und Her, vor allem finanziellen Hin und Her, und auch Dank der Unterstützung des damaligen österreichischen Botschafters in Prag, Ferdinand Trauttmansdorff, 2014 gestartet werden.“

Vier Jahre sei daran geschrieben worden. Insgesamt 27 Autorinnen und Autoren waren beteiligt. Es soll ein populärwissenschaftliches Werk sein. Perzi scherzte: „Es hat den Anspruch, mehr Leser als Schreiber zu haben. Bei vielen wissenschaftlichen Werken ist das nicht immer der Fall.“

(Das Gespräch führte Alexandra Demcisin/APA)

( S E R V I C E : Verlag „Bibliothek der Provinz“: Nachbarn. Ein österreichisch-tschechisches Geschichtsbuch. Hrsg. v. Niklas Perzi, Hildegard Schmoller, Ota Konrad, Václav Šmidrkal. Wien 2019. 426 S. ISBN: 978-3-99028-817-7, erhältlich unter http://go.apa.at/n4G4kXY2 )




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