Letztes Update am Mo, 15.04.2019 09:05

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Königin der Römerstraßen: Journalist Rumiz entdeckt die Via Appia neu



Rom (APA) - Die Via Appia ist die „Königin“ der großen europäischen Straßen. 540 Kilometer führt die legendäre Römerstraße von Rom ins süditalienische Brindisi, dem Tor zum Osten und zum südlichen Mittelmeerraum. Jahrhunderte der Vernachlässigung haben sie beinahe zerstört. 2.330 Jahre nach Baubeginn hat sich der Reisejournalist Paolo Rumiz (71) wieder auf die Entdeckung der „verlorenen Straße“ gemacht.

An der Spitze eines vierköpfigen Forschungstrupps ist der aus Triest stammende Rumiz losgezogen, um zu Fuß von Anfang bis zum Ende die Straße wieder zu entdecken, die in Römerzeiten Soldaten, Händler und später Kreuzritter und Pilger beschritten, um von Rom nach Süditalien und von dort zum Herzen des Mittelmeers zu gelangen. 29 Tage dauerte der Marsch, insgesamt eine Million Schritte. Sein Abenteuer auf den Spuren von Horaz und dem Heiligen Petrus, der Langobarden, Sarazenen und Normannen beschreibt Rumiz in seinem Werk „Via Appia - Auf der Suche nach einer verlorenen Straße“, das am Dienstag im Folio-Verlag in deutscher Sprache erscheint.

Während ihrer Reise haben Rumiz, seine Lebensgefährtin Irene Zambon und zwei weitere Freunde die Trasse der „Mutter aller Straßen Europas“ in ihrem ganzen Verlauf nachgezeichnet, die in den Jahrhunderten zuvor demoliert, verwahrlost und vergessen worden ist. „Wir haben die Via Appia von den Spinnweben befreit, unter denen sie begraben war. Jetzt gibt es die große Straße wieder, sie ist sichtbar“, berichtet Rumiz im Gespräch mit der APA in Rom.

Die erste Straße Roms ist an einigen Stellen mit Parkplätzen und Supermärkten zugepflastert, sie versteckt sich zwischen Feldern, Steinbrüchen und Stahlwerken, sie trägt inzwischen unterschiedliche Namen. Dort, wo die antike Trasse nicht durch die moderne Straße überbaut ist, ist oft noch die antike Pflasterung erhalten oder ausgegraben. Die Via Appia war in der Antike von Grabmälern, Gutshöfen und Thermen gesäumt.

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Rumiz, der in seiner langen Karriere als Journalist und Reiseautor von Triest bis Istanbul mit dem Fahrrad gefahren ist, Italien mit dem Zug von den Alpen bis zur Stiefelspitze bereist und den ganzen Fluss Po mit dem Boot befahren hat, spürte die Lust, eine lange Reise zu Fuß zu unternehmen. „Zu Fuß zu gehen bedeutet, wieder einen menschlichen Rhythmus zu finden, was den freien Gedankenfluss und die Begegnung mit Menschen ermöglicht. Die Via Appia, die 1.000 Jahre älter als der Jakobsweg ist und von Horaz beschrieben wurde, hat mich schon seit meiner Schulzeit fasziniert. Sie ist eine Straße der Soldaten, der Handelsleute, aber auch der Pilger, der Geistlichen und der Kultur. Vom Hafen Brindisi aus sind das orientalische Gedankengut und das Christentum nach Rom gelangt“, sagt Rumiz.

Auf seiner Wanderung von Rom durch Süditalien stieß Rumiz auf antike Villen und überwucherte Baudenkmäler. Er besuchte mittelalterliche Kirchen und Burgen und erlebte viel Gastfreundschaft. „Bis in die 60er-Jahre gab es noch viele Spuren der Via Appia in Süditalien, die dann immer mehr wegen der wilden Zementierung und der Industrialisierung gelöscht wurden“, berichtet der Autor. Sein Anliegen ist jetzt, dass die Via Appia, dieses „auf skandalöse Weise vernachlässigte Gut Italiens“, zu neuem Leben erwacht. „Ich will, dass diese Straße wieder beschritten wird, das ist mein innigster Wunsch. Dabei hoffe ich stark auf Ausländer, die oft mehr als wir Italiener die Schönheit dieses Landes zu schätzen wissen“, meint der Schriftsteller.

Seit der Veröffentlichung von Rumiz‘ Buch 2016 haben Menschen begonnen, Wanderungen auf der Via Appia zu unternehmen. „Erst kürzlich habe ich nahe Rom eine Gruppe norwegischer Wanderer getroffen. Sie haben mein Buch gelesen und wollen jetzt ein Drittel der Via Appia gehen“, sagt Rumiz. Mit seiner Lebensgefährtin hat er eine Ausstellung mit Fotos, Videos und Dokumenten zum Thema „Die wiedergefundene Via Appia“ organisiert, die in mehreren Städten entlang der legendären Straße gezeigt wurde. „Inzwischen ist eine Bewegung entstanden, die sich für die Wiederverwertung der Via Appia als großem, europäischen Weg einsetzen will“, meint Rumiz.

Auch mit dem italienischen Kulturministerium, das 20 Millionen Euro für die Wiederbelebung der antiken Straße zur Verfügung gestellt hat, arbeitet Rumiz zusammen. „Wir haben dem Ministerium die genaue Nachzeichnung der Straße vorgelegt, die wir nach unserer Reise entworfen haben. In Süditalien sind Vereinigungen entstanden, die sich für die Beschilderung des Wegs einsetzen. Doch das Wichtigste ist, dass die Menschen wieder auf dieser Straße gehen. Es ist unbegreiflich, dass diese Strecke voller verborgener Wunder, viel älter als der Jakobsweg und gewiss abwechslungsreicher, in Vergessenheit geraten konnte“, sagt Rumiz.

(S E R V I C E - Paolo Rumiz: „Via Appia. Auf der Suche nach einer verlorenen Straße“, Folio Verlag, 336 Seiten, 25 Euro)




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