Letztes Update am So, 21.04.2019 06:03

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Krieg aus anderer Perspektive: Comic-Biografie „Hitler“ von Mizuki



Wien (APA) - Neu und überholt gleichzeitig ist die dieser Tage erschienene Manga-Biografie „Hitler“ von Shigeru Mizuki: Der rund 300 Seiten starke Band wurde 1971 in Japan erstveröffentlicht, ist aber nun erstmals auch auf Deutsch erhältlich. Dass sich ein Blick in diese fürchterliche und zigfach erzählte Geschichte lohnt, liegt vor allem am für Europäer wohl ungewohnten Blick und dem zeitlichen Abstand.

Mizuki, der Ende 2015 im Alter von 93 Jahren in Tokio verstorben ist, mag hierzulande kaum bekannt sein, gehörte aber zu den wichtigsten Vertretern seiner Zunft in Japan. Er gilt als Wegbereiter des Manga als Erzählform, die sich vor schwierigen Themen nicht verschließt und ihr Publikum jenseits jugendlicher Comic-Vorlieben findet. Einerseits hat er das mit Werken über allerlei mythische Wesen aus dem reichhaltigen japanischen Volksglauben erreicht, andererseits mit Bänden, die sich nur allzu weltlichen Themen widmen.

Zwei davon, neben der Hitler-Biografie auch das stark persönlich gefärbte „Auf in den Heldentod!“, haben nun via den Verlag Reprodukt den Weg in den hiesigen Buchhandel geschafft. Beide spielen während des Zweiten Weltkriegs, den Mizuki selbst als japanischer Soldat auf der Insel Neubritannien erlebt hatte. Er verlor dabei einen Arm, überlebte letztlich als einziger seiner Einheit den Krieg. „Mein Schicksal wäre ein anderes gewesen. Mein Leben wäre nicht im Krieg ruiniert worden, und ohne Hitler hätte ich immer noch meinen linken Arm“, ist dazu nun im Klappentext über seine Motivation zur Arbeit an der Biografie zu lesen: „Wie also könnte ich nicht an ihm interessiert sein, und an der Frage, was für ein Mensch er wirklich war?“

Dieses Vorhaben muss zwar als missglückt angesehen werden, dennoch ist Mizukis Annäherung interessant. Zu beachten ist dabei allerdings, wie schon der Journalist Jens Balzer im Vorwort schreibt, dass zur Zeit der Entstehung von Mizukis Manga die Quellenlage über und Sicht auf den Zweiten Weltkrieg noch eine andere als heute war. Der Zeichner habe zwar „gewissenhaft recherchiert“, so Balzer, dennoch wurden mittlerweile im Text einige Fehler ausgebessert. Auch dass Mizuki dem Holocaust kaum Platz eingeräumt hat, ist nur schwer nachvollziehbar. Der Völkermord an den Juden wird allerdings als Rahmung zu Beginn und Ende der Geschichte thematisiert.

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Bleibt dieses Grauen bei Mizuki also bloß erahnbar in seinem Ausmaß und auf diese Weise eine schmerzliche Leerstelle, so zeichnet er den Aufstieg Adolf Hitlers umso genauer nach. Den Auftakt macht das Scheitern an der Akademie der Bildenden Künste in Wien, danach werden die einzelnen Schritte an die Macht mit klaren Strichen und unzähligen handelnden Figuren in Szene gesetzt. Nicht weniger als 40 Personen listet Mizuki schon auf den ersten Seiten, gibt den Namen Gesichtern und ordnet sie ein. Im Comic selbst kombiniert er realistische schwarz-weiß Zeichnungen, die für die Hintergründe, architektonischen Feinheiten und kriegerischen Auseinandersetzungen zur Anwendung kommen, mit einem schnellen, reduzierten Strich für die Charaktere.

So driften Hitler und andere Diktatoren wie Mussolini zwar schon mal ins Karikaturhafte, gleichzeitig bewahrt es Mizuki aber davor, einer ungewollt verehrenden Stilisierung anheimzufallen. Er, der bekennende Pazifist, hält sich stattdessen ganz einfach an die Ereignisse, die schlussendlich zum Zweiten Weltkrieg geführt haben - natürlich aus der Sicht eines Japaners in den frühen 1970ern. Das mag manchmal eigenwillig gewichtet daherkommen, bleibt aber grundsätzlich lesenswert. Hier begegnet man dem schon oft gesehenen Schrecken des Kriegs aus einer anderen Perspektive.

(S E R V I C E - Shigeru Mizuki: „Hitler“, Reprodukt, 288 Seiten, 18,50 Euro, ISBN: 9783956401770; „Auf in den Heldentod!“, Reprodukt, 384 Seiten, 20,60 Euro, ISBN: 9783956401787; weitere Informationen unter: www.reprodukt.com/autorenundkuenstler/shigeru-mizuki)




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