Letztes Update am Do, 25.04.2019 06:03

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Wiener Festwochen - Regisseur Bela Tarr feiert Comeback „als Mensch“



Wien (APA) - „Missing People“, sein Projekt über Obdachlose in Wien, werde kein Film, sagt Bela Tarr gleich zu Beginn. Der ungarische Regisseur, der mit „Satantango“ (1994) Filmgeschichte geschrieben hat, feiert bei den heurigen Wiener Festwochen kein Comeback als Filmemacher. „Ich komme zurück als Mensch“, erklärt er im APA-Interview. Ab 12. Juni ist das Auftragswerk des Festivals im Museumsquartier zu sehen.

Dafür ist der 63-Jährige in Wien zwar dieser Tage mit der Kamera im Einsatz - ob sich das Ergebnis seiner Recherchen dann auf der Leinwand, als Performance, als Installation oder in erster Linie als Konzert mit Akkordeonmusik darbieten wird, darauf möchte sich die Regieikone, die mit „Das Turiner Pferd“ 2011 ihren dezidiert letzten Film vorlegte, allerdings noch nicht festlegen. „Ich bin nicht in der Lage, das zu definieren“, sagt er und schüttelt langsam den Kopf.

Er weiß nur, was es nicht wird: Jedenfalls kein Film. Vor allem keine Doku im klassischen Sinn. „Es geht mir nicht darum, etwas über die sozialen Bedingungen von Obdachlosen zu erzählen. Ich will etwas zeigen über die menschliche Natur.“ Die Obdachlosen, mit denen er arbeitet, sind „Partner in diesem Projekt“.

Die Idee zu „Missing People“ kam Tarr durch ein zufälliges Zusammentreffen der Umstände. „Ich war hier in Wien, um mit den Festwochen über ein Projekt zu sprechen. Am selben Tag erhielt ich die Nachricht aus Ungarn, dass das Gesetz gegen Obdachlose kommen wird. Und ebenfalls am selben Tag hörte ich aus Paris, dass die Bürgermeisterin das Rathaus für Obdachlose öffnet. So setzte sich mein Nachdenken zusammen.“ Warum er seine Arbeit nicht in Budapest realisiere? „Unmöglich. In dieser Geisteshaltung der Gesellschaft kann das nicht passieren.“

In Wien hat man zunächst „eine wirklich umfangreiche Recherche“ absolviert. „Ich kenne Wien jetzt - aber anders, als die Touristen. Wahrscheinlich auch anders als die Wiener.“ In den kommenden Wochen, in denen Tarr in Wien arbeitet - die Halle E ist dabei sowohl Entstehungs- als auch Präsentationsort - gehe es darum, diese Kenntnisse „zu transformieren“: „Es wird ein langes und schwieriges Projekt, bei dem sich viele existenzielle Fragen stellen. Ich versuche, sie zu beantworten.“ Pause. „Ich muss aber damit rechnen, dass es dumm wird.“

Denn die Gefahr des Dummen lauert für Tarr in jeder Äußerung - erst recht in jeder verbalen. „Slogans sind dumm, jedes Wort ist fragwürdig. Jede Wertung, jedes Urteil ist falsch.“ Wien sei angeblich die lebenswerteste Stadt der Welt - „das mag stimmen - aber was bedeutet Leben? Es gibt viele Arten davon. Und jeder hat verdient, dass seine menschliche Würde beschützt wird. Darum ist es in meinem Werk immer gegangen.“ Verstehen, nicht beurteilen, lautet sein Credo. Empathie ohne Wenn und Warum. Auf die Frage, ob die Empathie in unserer Gesellschaft abgenommen habe, schweigt er lange. „Jeder besitzt Empathie.“ Wie kommt es dann zu einem Gesetz, das Obdachlose kriminalisiert? „Ich weiß es nicht.“ Er wolle nicht über Ungarn sprechen.

Der Mensch, sagt Tarr stattdessen, „ist eine seltsame Kreatur“. Und schwenkt, abschließend, zu einer Gedankenfigur von Dostojewski: „Wir sind das einzige Lebewesen, das in der Lage ist, jegliche schlechte Bedingung zu akzeptieren und sich irgendwie anzupassen. Tiere, die keine guten Lebensbedingungen vorfinden, sterben. Aber wir - wir überleben.“

„Missing people“ wird ausschließlich für die Wiener Festwochen produziert und wird - weil es „nur an dem Ort aufgeführt werden kann, an dem es entstanden ist“, so Tarr - auch nur in der Halle E gezeigt werden können. Die Protagonisten des Projekts - die Obdachlosen - sind bei der Aufführung selbst nicht anwesend, es sei denn sie kommen als Publikum. „Dann werde ich sie nicht wegschicken.“ Neben den neun geplanten Aufführungsterminen an fünf Tagen wird Tarr im Rahmen der Festwochen auch für einen Talk (16. Juni) sowie für eine Masterclass im Wiener Filmmuseum (9. Juni) im Anschluss an eine Vorführung seines frühen Werks „Csaladi tüzfeszek“ („Family Nest“, 1979) zur Verfügung stehen.

(Das Gespräch führte Maria Scholl/APA)

(S E R V I CE - www.festwochen.at)




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