Letztes Update am Mi, 01.05.2019 05:04

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Die Flüchtlingskinder von Azraq 2 - Kinderarbeit großes Problem



Amman (APA) - Neben der Türkei ist Jordanien das Land, das die meisten syrischen Flüchtlinge aufgenommen hat. „Warum sollten sie woanders hingehen? Hier sprechen sie die gleiche Sprache, es ist das gleiche System und dieselbe Kultur wie in ihrer Heimat“, sagt Care-Mitarbeiter Jameel Dababneh. Seit dem Beginn der Krise in Syrien vor acht Jahren sind laut Care 1,4 Millionen Flüchtlinge nach Jordanien gekommen.

15 Prozent der Flüchtlinge in Jordanien leben in Camps, der Rest versucht, sich hauptsächlich in den Städten ein neues Leben aufzubauen. Die meisten leben unter der Armutsgrenze. Oft werden die Mädchen unter 18 Jahren verheiratet, um die Familie finanziell zu entlasten. Laut einer Umfrage ist eine von zehn Familien davon betroffen. Viele Kinder werden auch von der Schule genommen, damit sie arbeiten und Geld verdienen können. Kinderarbeit ist wie im Camp ein wiederkehrendes Problem.

Dieses Schicksal teilte auch Mohamed, der mit seiner Familie bereits 2013 in Amman Zuflucht gefunden hatte. Seine Heimatstadt Daraa gilt als Ausgangspunkt für den Bürgerkrieg in Syrien. Der Bursche musste im Alter von zwölf Jahren, nachdem sein Vater einen Herzinfarkt erlitten hatte, die Schule verlassen und arbeiten gehen. Zwei Jahre lang durfte er nicht die Schulbank drücken, sondern stand von 7.30 bis 22.30 Uhr auf den Straßen von Amman, um Kaffee zu verkaufen. „Ich habe es für meine Familie getan“, sagt er im Gespräch mit der APA. „Es war nicht leicht, jeden Tag meine ehemaligen Kameraden zu sehen, wie sie in die Schule gehen“, berichtet Mohamed. Aber die Schul- und Transportkosten des Burschen wurden zu teuer und ohne seine Einnahmen hätte die Familie die Wohnung verloren.

Nach Informationen von Care gehen nur 53,9 Prozent der syrischen Kinder in die Schule. Im Vergleich dazu besuchen 85 Prozent der jordanischen Kinder den Unterricht. Um Kinderarbeit in Jordanien einzudämmen, hat Care ein Programm entwickelt, in dem Familien eine finanzielle Unterstützung zugesagt wird, wenn sie ihre Sprösslinge zum Unterricht schicken. 70 Jordanische Dinar pro Monat - das Geld kommt von der EU-Kommission für Humanitäre Hilfe (ECHO) - sollen für den entfallenen Lohn entschädigen. Mohamed nahm das Angebot an, denn so viel verdiente er auch mit dem Kaffeestand. „Ich war so glücklich“, sagt der inzwischen 15-Jährige, der nun zu den Klassenbesten gehört. Den Stoff von zwei verlorenen Jahren aufzufangen, war nicht leicht. Nun ist der Bursche Sprecher des „Children Education Board“ von Care. „Ich möchte mit meinem Beitrag anderen Kindern eine Stimme geben“, sagt Mohamed.

Eine Stimme, die auch Sara gebraucht hätte, als sie mit ihren fünf Kindern aus der IS-Hochburg Homs nach Zarqa kam. Als die Rebellen vor den Augen ihrer Kinder Menschen erschossen, verließ sie 2014 die syrische Stadt. Ihr Mann blieb dort. Für ihn war die Reise aufgrund einer schweren Nierenkrankheit nicht möglich, außerdem wollte er seine betagte Mutter nicht alleine lassen. Ihr 18-jähriger Sohn kommt nun für den Lebensunterhalt auf. Er arbeitet trotz Schmerzen im Rücken und in den Beinen illegal auf Baustellen, nicht immer wird er dafür bezahlt. Für zwölf Stunden Arbeit hätte er sechs Jordanische Dinar bekommen sollen, am Ende des Tages stand er oft mit leeren Händen da.

Eine bezahlbare Wohnung zu finden in Zarqa war nicht leicht. Neun Mal musste die Familie umziehen. Die Syrer wurden von betrunkenen Vermietern bedroht, ein weiteres Mal drang Wasser in die Räume oder es wurde ihnen der Strom abgestellt. Weil das Geld nicht reichte, nahm Sara ihre 14-jährige Tochter aus der Schule, damit sie der Mutter beim Zubereiten von traditionellem Essen, das sie verkauften, helfen konnte. „Ich fühlte mich so schuldig, dass ich sie aus der Schule genommen habe. Sie will doch Ärztin werden“, sagt die Syrerin unter Tränen. Nach zwei Jahren hörte Sara von Bekannten von dem Care-Programm und nahm das Angebot an. „Sie hat vor Freude geweint“, beschreibt die Frau die Freude der Tochter. Aber ein Abschluss bedeutet noch lange nichts: Von 92.000 Kindern, die in Jordanien die Schule beenden, bekommen laut Care Jordanien nur 60.000 einen Job.

Sechs Care-Center vor allem im Norden des Landes kümmern sich um die Flüchtlinge, die nicht in Camps leben. Im Norden deshalb, weil dort Konfliktzonen wie Syrien, Irak und Libanon angrenzen. 100 bis 150 Menschen kommen pro Tag in die jeweiligen Center, die meisten brauchen Hilfe bezüglich Asylstatus, Essen, Gesundheit oder Ausbildung. Viele sind in keinem guten Zustand, berichtet etwa Adel Al Dahien vom Zentrum in Amman. Dennoch leben die meisten lieber in den Städten als in Flüchtlingslagern. Sie haben eine Wohnung und müssen sich das Bad und den Wasseranschluss mit niemandem teilen.

Die Regierung definiert jährlich die Kosten für die Flüchtlinge, doch gedeckt sind sie immer weniger. Die internationale Unterstützung geht auch drastisch zurück. So hat etwa die EU-Generaldirektion für Humanitäre Hilfe und Katastrophenschutz (ECHO) ihre Hilfe von 2,5 Millionen auf eine Million Euro reduziert, obwohl der Bedarf für die Flüchtlinge gleich geblieben ist.

Auch wenn 84 Prozent der syrischen Flüchtlinge im Gespräch mit Care sagen, dass sie eines Tages zurückkehren wollen, wird dem nicht immer so sein. Viele haben mittlerweile, im achten Jahr der Krise, in Jordanien ein neues Leben begonnen. „Es ist nicht der große Aufbruch. Nicht in den nächsten zwölf Monaten“, sagt auch Care-Helfer Dababneh. Wie das Leben vor dem Krieg war? „Ich kann es nicht beschreiben“, sagt die Fünffach-Mutter Sara. „Es war nicht luxuriös, aber ich war glücklich.“

(Die APA hat die Namen der interviewten Flüchtlinge aus Sicherheits- und Datenschutzgründen verändert.)




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