Letztes Update am Fr, 03.05.2019 12:44

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„Kinder unter Deck“: Von den Narben dreier Generationen



Wien (APA) - Es ist ein schmaler Grat, auf dem die in Wien lebende deutsche Künstlerin Bettina Henkel in ihrem Dokumentarfilmdebüt „Kinder unter Deck“ wandert, um ihrer Herkunft auf die Schliche zu kommen. Im Gepäck hat sie nämlich ihren unnahbaren Vater, mit dem sie in Lettland und Polen auf Spurensuche geht und dabei tiefere Wunden aufreißt, als sie zunächst vermutet. Ab Freitag im Kino.

Zum Auftakt nimmt die Regisseurin ihre Zuschauer mit auf eine ausgelassen anmutende Urlaubsreise, an die sich Henkel, die im Film aus dem Off als Ich-Erzählerin auftritt, scheinbar wehmütig erinnert. Doch bald zeigt sich der erste von vielen Widerhaken, die dem Film seine Struktur verleihen. Über die Leinwand flimmern alte Super-8-Aufnahmen einer Autofahrt irgendwann in den 1970er-Jahren. Die Regisseurin erzählt von ihrer Vorfreude auf den Sommerurlaub am Meer, bis die Stimmung ihres Vaters plötzlich kippt, die Kinder auf der Rückbank verstummen und fürchten, der Urlaub könne zu Ende sein, bevor er begonnen hat. „Kinder unter Deck!“, ruft der Vater und die Kinder ducken sich hinter die Sitze. Nichts mehr als eine Übung, die der Vater immer wieder durchführt, ohne dass die Kinder wissen, was es damit auf sich hat. Die Stimmung ist gebrochen.

Als eine der Erzählebenen wird der weitere Verlauf dieses Sommerurlaubs im Laufe der 100 Minuten immer wieder auftauchen. Auch in der Jetzt-Zeit ist es eine Reise, die die Handlung bestimmt. Auf der Suche nach der Herkunft ihrer geliebten, aber mittlerweile verstorbenen Großmutter begibt sich Henkel gemeinsam mit ihrem Vater auf eine Reise nach Riga. Warum sich der Vater so lange gegen diese gemeinsame Fahrt in die Vergangenheit gewehrt hat, wird erst im Laufe des Films klar. Seine eigene Mutter, die die Enkelin als redegewandte Grande Dame in Erinnerung hat, ist dem Sohn stets mit größter Kälte begegnet. So enthielt sie ihm nicht nur Liebe und Wärme vor, sondern auch ihre Erinnerungen. Erinnerungen an Riga, an die Vertreibung der Deutsch-Letten und schließlich das neue Leben im damals bereits von Nazideutschland annektierten Polen.

Bettina Henkels Vater, ein Psychoanalytiker und früherer Internist, beantwortet die Fragen der Tochter zögerlich aus scheinbar professionellerer - also beruflicher - Perspektive. Versucht, seine Mutter wie seine Tochter zu analysieren - sich selbst lässt er aus. Und genau diese Entwicklung vom unnahbaren, kühlen Mann hin zu einem von den Emotionen übermannten Sohn und Vater ist es, die diesen Film zu jenem „seelischen Roadmovie durch tiefliegende Verletzungen“ macht, als der er ausgeschildert ist. Dabei ist der Vater beileibe nicht der passive Teil. Immer wieder hinterfragt er auch das Tun seiner Tochter, den Sinn des Films und die Darstellung seiner selbst als „Objekt“.

Trotz der zahleichen, zutiefst privaten Momente zwischen Vater und Tochter gelingt es Bettina Henkel, die filmisch festgehaltenen Emotionen durch Kommentare aus dem Off wieder in ein versöhnliches Licht zu rücken. Die transgenerationale Übertragung von Traumata - das wird bald klar - lief zunächst von der Mutter auf den Vater und schließlich vom Vater auf die Tochter. Das langsame Entblättern von Erinnerungen und Gefühlen, die die beiden etwa am überwuchernden Familiengrab oder beim Besuch alter Bekannter übermannen, schmerzt auch beim Zuschauen. Die analytische Metaebene gibt „Kinder unter Deck“ jedoch einen abstrakten Rahmen, der auch für so manche eigene Familiengeschichte anwendbar sein könnte.

(S E R V I C E - www.freibeuterfilm.com/wp/portfolios/kinder-unter-deck)




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