Letztes Update am Mo, 06.05.2019 06:04

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Sibylle Berg bedauert „Tendenzen des Nicht-Nachdenkens“



Wien (APA) - Wenige Wochen, nachdem Sibylle Berg ihren aktuellen Roman „GRM“ in Wien präsentiert hat, kann sich das heimische Publikum gleich auf zwei Theaterstücke der Wahlschweizerin freuen: Am 11. Mai feiert im Volx/Margareten „Nach uns das All“ Premiere, und die Wiener Festwochen bringen in der Regie von Ersan Mondtag am 24. Mai im Volkstheater „Hass-Triptychon - Wege aus der Krise“ zur Uraufführung.

Wieso ihre Stoffe keine Dystopien sind, wie sie mit Hass im Netz umgeht und wie sie im Notfall zwischen Erde oder Mars wählen würde, beantwortete die Autorin der APA in einem Mail-Interview.

APA: In einer Rezension zu Ihrem aktuellen Roman „GRM“ bezeichnete Sie die Schweizer „Wochenzeitung“ als „Grande Dame der Apokalypse“. Wie leicht oder schwer fällt es Ihnen immer wieder, sich auf Dystopien einzulassen?

Sibylle Berg: JournalistInnen sind immer wieder Spaßvögel, die sich mithin zu schnell in die eigenen Formulierungen verlieben. Das neue Buch kann nur als Dystopie bezeichnen, wer sich wissentlich nicht über unsere Gesellschaft informiert. Das kann man machen. Muss man aber nicht. Mich interessiert es immer, so viel wie möglich von der Zeit, in der ich lebe, zu begreifen. Es gibt mir mehr Sicherheit zu wissen, wo die Feinde sitzen, und überdies ist die Beantwortung von Fragen, die ich mir stelle, ein Mittel, um mich nicht so hilflos zu fühlen, wie ich es bin.

APA: In Ihrem neuen Stück „Hass-Triptychon - Wege aus der Krise“, das Ersan Mondtag als Uraufführung bei den Wiener Festwochen inszeniert, sezieren Sie gewohnt scharfzüngig wie präzise das Dahinvegetieren der Mittelschicht. Was nervt Sie am meisten am Status quo der Gesellschaft?

Berg: Nun, eigentlich geht es mehr um die aktuelle Stimmung in großen Teilen der westlichen Bevölkerung, die aus einer unglücklichen Mischung aus Angst, Selbstüberschätzung, prekären Lebensbedingungen, Langeweile, Ratlosigkeit und Überforderung besteht. Die Gesellschaft als solche nervt mich nicht, es gibt Tendenzen des Nicht-Nachdenkens, die ich bedauere. Tendenzen, die so aussehen, dass viele den Faschisten nachlaufen, weil sie sich Lösungen erhoffen, genau von jenen, die für das Großkapital arbeiten. Ansonsten habe ich eher ein Mitgefühl mit uns allen, die wir es nicht besser wissen.

APA: Bei den Uraufführungen Ihrer Stücke arbeiten sie oft eng mit den Regisseuren zusammen. Andere Autoren machen das bewusst nicht. Warum ist es Ihnen wichtig? Welchen Einfluss hat diese Zusammenarbeit auf den Text?

Berg: Das hat sich so ergeben. Zum Teil vermutlich, weil ich sehr an Gewohnheiten und Menschen hänge - oder weil mir keiner gesagt hat, dass es auch anders geht. Es gab also immer RegisseurInnen, die mich über lange Strecken begleitet haben. Ich kenne es nicht anders.

APA: Utopie statt Dystopie: Was muss die Gesellschaft reparieren, um aus dieser Spirale aus Hass, Fake-News und Anonymität im Netz wieder herauszukommen?

Berg: Solange es noch Demokratien gibt, kann der Einzelne Parteien wählen, die nicht zu Rassismus und jeder anderen Form von Menschenhass aufrufen. Der Einzelne kann sein Umfeld beeinflussen, oder sich selber politisch beteiligen. Solange man der Masse folgt, die gerade grölend durchs Netz zieht, wird das nichts. Solange man sich nicht fragt: Weiß ich wirklich mehr als Ärzte, weiß ich mehr als Wissenschafter - wird das nichts. Solange man Hass für das erregendere Gefühl als Mitgefühl hält, wird das nichts.

APA: Wie gehen Sie selbst mit Hasskommentaren auf Social Media um?

Berg: Ich bekomme kaum welche, und wenn, dann blocke ich. Meinungen von Menschen, die ich nicht kenne, und denen ich nicht wissentlich geschadet habe, sind mir gleichgültig

APA: In der Spielstätte Volx/Margareten kommt bereits am 11. Mai die Inszenierung Ihres Stücks „Nach uns das All“ heraus. Hätten Sie in Zukunft die Wahl: Würden Sie auf der Erde bleiben oder auf dem Mars ein neues Leben beginnen?

Berg: Ich bliebe auf der Erde, denn ein Leben ohne Bäume und Amseln und Freundinnen stelle ich mir sehr öde vor.

APA: Ein Blick auf Ihre Publikationsliste - inklusive der Theaterstücke und Kolumnen - drängt die Frage auf: Wie bewältigen Sie diese Menge?

Berg: Ich langweile mich, wenn ich nicht an irgendwelchen Dingen arbeiten kann. Ich kann sehr gut mal eine Woche nichts machen, also lesen, Serien schauen, Bäume angucken, aber dann wird‘s mir fad. Und wenn man einen normalen 8-Stunden-Arbeitstag als Basis nimmt, kommen dann halt 25 Stücke und 15 Bücher raus. Soviel ist das auch nicht.

APA: Wie sieht ein typischer Schreib-Tag bei Ihnen aus?

Berg: Gegen 6 - 7 Uhr aufstehen, viel Kaffee und Haferflocken, dann ab 8 Uhr schreiben. Mittagpause. Dann weiter bis ca. 18 Uhr.

APA: Wäre es mit dem Schreiben nichts geworden - in welchem Job würde man auf Sie treffen?

Berg: Wissenschafterin, ziemlich sicher.

APA: Gibt es ein Thema, an das Sie sich bisher literarisch noch nicht herangewagt haben, es aber noch vorhaben?

Berg: Nein gibt es nicht. Ich mache immer alles, worauf ich Lust habe, oder was mich gerade interessiert. Und ich weiß um das große, umwerfende Glück, das tun zu können.

(Die Fragen stellte Sonja Harter/APA)




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