Letztes Update am Mi, 15.05.2019 13:37

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Praevenire - Moderne Therapien halten Krebs in Schach



Seitenstetten (APA) - Die absolute Zahl der Krebs-Neuerkrankungen wird in Österreich weiter steigen. Bei der Mortalität bringen hoch innovative Behandlungsformen - zum Beispiel die neuen Immuntherapien - eine deutliche Reduktion. Sie halten das Krebsproblem in Schach, auch volkswirtschaftliche Betrachtungen dürften für sie sprechen, hieß es am Mittwoch bei den Praevenire-Gesundheitstagen in Seitenstetten.

Der Wiener Gesundheitsökonom Thomas Czypionka (IHS) hat ein volkswirtschaftliches Rahmenmodell für den Wandel in der Versorgung von Patienten mit onkologischen Erkrankungen erstellt. „Die onkologische Therapie ist sehr stark im Wandel begriffen. 2018 gab es weltweit 18,1 Millionen Krebs-Neuerkrankungen und 9,6 Millionen Todesfälle. Die Fortschritt in der Therapie sind auch mit Kostenschritten verbunden“, sagte der Experte.

In Österreich leben derzeit rund 350.600 Menschen mit Krebs. Es gibt knapp 41.000 Neuerkrankungen pro Jahr. Die moderne Medizin hat aber laut Czypionka große Erfolge geschafft: „Die Fünf-Jahres-Überlebensrate beträgt bei den Frauen bereits 63,2 Prozent und bei den Männern 58,6 Prozent.“

Das Krebsproblem wird durch die demografische Entwicklung und durch die in den vergangenen Jahrzehnten rasant besser gewordenen Behandlungsmöglichkeiten zum Beispiel bei den Herz-Kreislauf-Erkrankungen vergleichsweise größer. Czypionka sagte: „1970 lag der Anteil der Krebserkrankungen bei den Todesursachen bei 19,6 Prozent. 2015 waren es 24,3 Prozent.“ Die Zahl der Neuerkrankungen wird aber von rund 30.000 im Jahr 1985 auf etwa 45.000 im Jahr 2030 ansteigen. Die Zahl der Krebs-Todesfälle wird sich aber in absoluten Zahlen deutlich geringer erhöhen: von etwa 19.000 im Jahr 1985 auf rund 22.000 im Jahr 2030. Die Inzidenz-Rate (Neuerkrankungen pro 100.000 Einwohner und Jahr) gehe aber bereits leicht zurück, noch stärker die Krebs-Mortalität.

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Die modernen Immuntherapien haben in den vergangenen Jahren enorm zu einem Sprung bei den Behandlungsmöglichkeiten bis dahin ziemlich aussichtsloser Krebserkrankungen beigetragen. Das hat aber auch zu deutlich steigenden Arzneimittelausgaben geführt. Peter Errhalt, Leiter der Lungenabteilung am Krankenhaus Krems (NÖ), sagte: „Wir haben die Immuntherapien erstmals breit im Jahr 2016 eingesetzt. Wir hatten früher Gesamt-Medikamentenkosten von 700.000 Euro. Jetzt haben wir bereits etwa 3,2 Millionen Medikamentenkosten. Das war induziert durch die Immuntherapien.“

Bei der Behandlungsform wird das Immunsystem von Krebspatienten - derzeit vor allem bei Menschen mit metastasiertem Melanom oder Lungenkarzinomen - durch monoklonale Antikörper wieder „scharf“ gemacht, um die Tumorerkrankung zu bekämpfen. Das kann lang anhaltende und bis vor kurzem kaum zu erhoffende Wirkung haben.

Ähnlich wie Errhalt äußerte sich auch Rainer Kolb von der Abteilung für Lungenkrankheiten am Klinikum Wels-Grieskirchen (OÖ): „Ich bin nicht mit kaufmännischen Zahlen konfrontiert. Ich bin konfrontiert mit Menschen, denen es schlecht geht. Mir geht‘s primär um die Lebensqualität der Patienten.“ Gleichwohl: Vor fünf Jahren hätten die Arzneimittelkosten an seiner Abteilung rund 800.000 Euro betragen. „Seit 2019 sind wir bei fünf Millionen Euro.“

Nur eine transparente volkswirtschaftliche Gesamtrechnung kann offenbar den echten Wert der Fortschritte quantifizierbar machen. Czypionka bezog sich dabei auf das sogenannte Humankapital: „11,11 Prozent der Neuzugänge bei den krankheitsbedingten Pensionen werden durch Krebserkrankungen verursacht. 25 Prozent der Prävalenz (Zahl der Krebspatienten; Anm.) betrifft Personen im Alter unter 60 Jahren, 28 Prozent der Inzidenz (Neuerkrankungen; Anm.) betrifft Menschen unter 65 Jahre. Die Fünf-Jahres-Überlebensrate von Krebspatienten im Alter unter 45 Jahren liegt bei rund 84 Prozent, bei den 45- bis 69-Jährigen 69 Prozent. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit zum Ermöglichen eines Wiedereinstiegs in die Erwerbstätigkeit.“

Aus der Sicht von stark gesteigerter Lebensqualität und reduzierter Mortalität sowie durch Einsparung von indirekten Kosten wie langen Krankenständen, Pflegeaufwendungen, Produktivitätsverlusten und sonstiger Sozialleistungen relativieren sich die Kosten für die rein therapeutischen Aufwendungen bei Krebs. Martin Gleitsmann, Leiter der Abteilung für Sozialpolitik und Gesundheit der Wirtschaftskammer Österreich, verwies auf den aktuellen Arbeitskräftemangel: „Es fehlen an die 162.000 Menschen in den österreichischen Betrieben.“ Auch das sollte in alle Kostenberechnungen im Gesundheitswesen einberechnet werden.




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