Letztes Update am Fr, 17.05.2019 11:42

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Praevenire - Biach: Finanz-Absicherung von Gesundheitswesen in Gefahr



Seitenstetten (APA) - Die stabile finanzielle Absicherung des österreichischen Gesundheitswesens sieht der Chef des Hauptverbandes der Sozialversicherungsträger, Alexander Biach, offenbar gefährdet. Dies geschehe derzeit durch gesetzlich verordnete Beitragskürzungen und Eingriffe in die Selbstverwaltung, sagte er am Freitag bei den Praevenire-Gesundheitstagen in Seitenstetten (NÖ).

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert als eines der Ziele einer optimalen Gesundheitsversorgung auch die finanzielle Absicherung des Gesundheitssystems im jeweiligen Land. „Diese Stabilität stellen wir durch eine Maßnahme her, die es sonst in Europa nicht gibt - durch das System der Selbstverwaltung (der Sozialversicherungsträger; Anm.), meinte Biach. So hätte es zum Beispiel in Österreich bisher nicht dazu kommen können, dass - wie in steuerfinanzierten Systemen (z.B. in Großbritannien) - bei der Finanzierung von neuen Straßen plötzlich auf die Mittel des Gesundheitswesens zugegriffen werde.

Die Autonomie der Sozialversicherungsträger schütze vor Eingriffen des Staates. Biach sieht genau das aber durch Handlungen der türkis-blauen Bundesregierung derzeit gefährdet: „Was jetzt passiert, gefällt mir nicht.“ Per Gesetz werde in die Finanzierung der Krankenkassen eingegriffen: durch Kürzung der AUVA-Beiträge, durch die Verringerung der Sozialversicherungsbeiträge und durch die Förderung privater Krankenanstalten, was zu fehlenden Mitteln im öffentlichen Bereich führe. Man greife „schnitt- und scheibchenweise“ in die Selbstverwaltung ein. „Das ist ein gefährliches Spiel“, so Biach.

Was die Gesundheitsausgaben betreffe, stammten 59 Prozent der Gelder von der Sozialversicherung, 41 Prozent seien über Steuern finanziert. Die seit langem geforderte Fusion der Geldmittel zu einem Topf werde nicht kommen, betonte der Chef des Hauptverbandes der Sozialversicherungsträger: „Sie zusammenzuführen, würde eine Verfassungsänderung bedeuten. Vergessen Sie diese Diskussionen.“ Die vom damaligen Hauptverband-Chef Hans Jörg Schelling initiierte Zielsteuerung über die einzelnen Bereiche des österreichischen Gesundheitswesens hinweg habe sich hingegen gut bewährt.

Schon allein aus dem bevorstehenden Ärztemangel heraus sei der Ausbau der Primärversorgungseinheiten mit verbindlichem Leistungsangebot und Öffnung auch zu Randzeiten dringend notwendig, betonte der Sprecher der Patientenanwälte Österreichs, Gerald Bachinger. Die oft gepriesene „wohnortnahe Versorgung“ sei im ländlichen Raum kaum wirklich zu realisieren. Ob man einen betagten Patienten, der zu Fuß keine 900 Meter mehr schaffe, diese Strecke mit dem Auto zum Arzt transportiere oder fünf bis zehn Kilometer zum nächsten Primärversorgungszentrum, sei dann schon egal.

Bachinger begrüßte den neuen Kassen-Gesamtvertrag für die Primärversorgungseinheiten. Jetzt sollte aber „ein Turbo gezündet werden“. Jedenfalls müssten alle im Gesundheitswesen zunächst einmal die Patienten in den Mittelpunkt stellen. „Unserer Abläufe und Prozesse könnten optimal funktionieren, wenn die Patienten nicht Sand ins Getriebe streuten.“ - Diese Auffassung sei wohl nicht das Optimum für bestmöglichen Service.

„Wir haben in Österreich nahezu eine hundertprozentige Absicherung“, 99,9 Prozent der Menschen seien krankenversichert, betonte IHS-Gesundheitsökonom Thomas Czypionka die Vorteile des Systems. Man sollte als Beitragszahler aber auch mehr den Versicherungscharakter vor Augen haben. „Wir zahlen für die Leute ein, die eine Krebstherapie für 50.000 Euro bekommen und das nicht bezahlen können.“

Insgesamt gebe es einige „Luft nach oben“ zur Verbesserung des österreichischen Gesundheitswesens: „Wir haben (im internationalen Vergleich; Anm.) mittlere ‚Outcomes‘, dafür aber vergleichsweise hohe Kosten. Einer der Gründe dafür ist die Fragmentierung des österreichischen Gesundheitswesens.“ Vor allem bei der Versorgung von Patienten mit chronischen Erkrankungen gebe es deutliche Defizite.




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