Letztes Update am Di, 21.05.2019 06:03

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Wenn Himmel und Hölle streiten: „Good Omens“ bei Amazon Prime Video



Wien (APA) - Zwei Kumpels, die unterschiedlicher nicht sein könnten: In „Good Omens“ raufen sich ein Dämon und ein Engel zusammen, um das Ende der Welt herbeizuführen - und gleichzeitig auch zu verhindern. In der sechsteiligen Miniserie, die auf dem gemeinsamen Roman von Terry Pratchett und Neil Gaiman basiert und am 31. Mai bei Amazon Prime Video startet, ist nämlich nichts so, wie es zunächst scheint.

Das beginnt schon mit dem Antichrist selbst: Er wurde auf die Erde geschickt, um die Apokalypse auszulösen. Nur leider war jener Orden satanischer Schwestern, der für einen eigentlich problemfreien, weil minutiös geplanten Babytausch in eine stürmischen englischen Nacht zuständig war, alles andere als gut organisiert. So landet das putzige Kerlchen unbemerkt bei einer britischen Durchschnittsfamilie und wächst zum aufgeweckten, aber nicht gerade diabolischen Adam heran. Und dieser Elfjährige soll für den Weltuntergang verantwortlich sein?

Was schwer vorstellbar scheint, wird durch Crowley (David Tennant) und Erziraphael (Michael Sheen) weiter verkompliziert: Das ungleiche Duo fristet seit Jahrhunderten sein Dasein auf der Erde. Crowley als scharfzüngiger, seine Zimmerpflanzen terrorisierender Dämon, während sein Engel-Gegenüber gutes Essen ebenso schätzt wie seinen Laden für antike Bücher oder sein stets gepflegtes Outfit. Als dann von Himmel respektive Hölle die Botschaft kommt, den großen Krieg entsprechend einzuläuten - ein putziger Höllenhund spielt dabei ebenso eine Rolle wie die vier Reiter der Apokalypse -, sehen die beiden ihr ach so angenehmes Leben schon den Bach runter gehen.

Wer den Roman kennt, weiß: All das wird eine bunte, schräge, dabei stets humorvolle Angelegenheit. Für Autor Gaiman war die Arbeit an der Serie letztlich auch „ein völliger Liebesdienst“ an seinem 2015 verstorbenen Kollegen Pratchett. „Ich kann mir auch gar nicht vorstellen, vier Jahre meines Lebens in ein Projekt zu investieren, das nur von mir stammt“, meinte der Brite bei einem Pressetermin vor Journalisten. „Aber hierfür konnte ich es machen. Ich konnte es machen, weil Terry mich vor seinem Tod darum gebeten hat. Ich wollte etwas schaffen, das er sich gerne angeschaut hätte und darauf stolz sein könnte.“

Und so ist Pratchett nicht nur mit seinem besonderen Witz in den von Regisseur Douglas Mackinnon inszenierten Episoden dabei, auch sein Schal und Hut finden sich in Erziraphaels Buchladen wieder. „Ich habe Terry nie getroffen, aber ich spürte jeden Tag seine Präsenz“, so Mackinnon. „Das Buch ist einfach großartig, und es sind diese Wörter und Sätze, an die wir uns halten und die wir wertschätzen.“ Für Schauspieler Sheen hat die Umsetzung „auch mit Verantwortung“ zu tun. „Dieser Roman gehört zu den beliebtesten britischen Büchern, er wurde aber nie adaptiert - bis jetzt. Es gibt also viele Menschen, für die er etwas besonderes ist, und ich zähle mich selbst dazu.“

Sheen gibt jedenfalls einen hervorragenden Engel ab, der mit britischer Höflichkeit und unschuldiger Naivität seinen Aufgaben nachgeht. Nicht minder treffend besetzt ist Crowley, den Tennant mit viel Lust an zeitgemäßer Bosheit umsetzt - aber eigentlich hat er das Herz ja doch am rechten Fleck. „Dieses Buch entwirft eine einzigartige Welt“, umriss er den Reiz an „Good Omens“. „Eigentümlich, einzigartig, schräg, verrückt, tragisch. Es ist wie nichts sonst, weder das Buch, noch jetzt die Serie. Aber wir haben das nur dank Neil geschafft.“

Der geschmeichelte Autor gab gleichzeitig zu bedenken, dass die für Amazon und BBC produzierte Serie keine Eins-zu-Eins-Adaption sei. „Wir mussten es neu bauen. Würden wir es Wort für Wort umsetzen, dann wäre in der letzten Episode schon bei Halbzeit Schluss, und danach würden sich alle nur noch verabschieden. Wie in ‚Der Herr der Ringe‘, nur schlimmer“, lachte Gaiman. „Jetzt ist der Plot bis zum Schluss mit Spannung gefüllt, erst in den letzten drei Sekunden entlädt sie sich. Das hat Spaß gemacht und war notwendig.“

Notwendig war in gewisser Weise auch Jon Hamm: Der „Mad Men“-Star ist als Erzengel Gabriel eine schöne Ergänzung im ohnehin reichhaltigen Figurenkosmos von „Good Omens“ und gibt eine etwas einfältige Macht von oben. Aber wie spielt man überhaupt gut und böse? „Das geht gar nicht“, betonte Sheen. „Das sind ja Allgemeinplätze. Es muss spezifischer werden: Ich liebe diese Person, ich mag Qualität und Handwerk, etwas in diese Richtung. Du kannst keine Figur spielen, die seit Jahrtausenden auf der Erde wandelt. Aber du kannst jemanden spielen der ein gutes Stück Stoff schätzt.“

Und die Ausgeburt des Bösen? Hatte offenbar reichlich Inspiration, wie Tennant unter allgemeinem Gelächter erklärte. „Es gibt ja genügend Leute aus der Hölle, die unter uns weilen. Das lässt sich ganz gut studieren. Aber letztlich sind diese beiden überirdischen Wesen ja nur allzu menschlich.“ Stimmt. „Good Omens“ mag von Tod, Verderben und dem Ende aller Tage erzählen. Aber eben auch von verstopften Highways, elterlichen Bürden und den Vorlieben der Jugend. Wahrscheinlich stecken eben in allen von uns ein kleiner Dämon und ein kleiner Engel.

(S E R V I C E - „Good Omens“ ab 31. Mai abrufbar unter: www.amazon.de/gp/video/detail/B07H42B7R3)




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