Letztes Update am Mi, 22.05.2019 06:03

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


„Frau ohne Schatten“-Regisseur Huguet: „Es war das Ende einer Welt“



Wien (APA) - Die Wiener Staatsoper schenkt sich zum 150. Geburtstag am kommenden Samstag (25.) eine neue „Frau ohne Schatten“. Richard Strauss‘ dichte, rätselhafte Oper, die vor 100 Jahren im Haus am Ring uraufgeführt wurde, kommt in Exklusivbesetzung und unter der hochkarätigen musikalischen Leitung von Christian Thielemann heraus.

Die Inszenierung der Festproduktion hat Direktor Dominique Meyer allerdings in die Hände eines Nachwuchsregisseurs gelegt. Vincent Huguet, Jahrgang 1976, ist eigentlich Kunsthistoriker. Durch die Arbeit mit seinem Mentor Patrice Chereau eroberte er jedoch in kürzester Zeit die Opernwelt. Im APA-Interview spricht der Franzose über das Wien des Jahres 1919, über den Dienst an den Sängern und über die Generationenfrage des Regietheaters.

APA: Die „Frau ohne Schatten“ ist ein gemeinsames Werk von Komponist Richard Strauss und Librettist Hugo von Hofmannsthal. Was bedeutet es für Sie, wenn das Libretto von einem großen Dichter stammt?

Vincent Huguet: Sehr viel, das ist eine ganz spezielle Situation, die man in der Oper nicht oft hat. Das Libretto ist reich, komplex, klug. Für mich bedeutet das auch: Ein Werk mit dieser literarischen Dichte darf man nicht mit einem strengen Regiekonzept erdrücken. Man muss den Text für voll nehmen.

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APA: Der Kontext - wenn auch nicht der Inhalt - des 100 Jahre alten Werks ist der Zusammenbruch der Monarchie im kriegsgebeutelten Wien des Jahres 1919. Eine Steilvorlage für ein Regiekonzept?

Huguet: Diesen Kontext darf man nicht vergessen. Ich habe im Briefwechsel von Strauss und Hofmannsthal nach dem Krieg gesucht - er kommt fast nicht vor. Vielleicht kann man den „Schatten“ als Krieg begreifen. Sie konnten und mussten das nicht so direkt ansprechen: Wien 1919, das kann man vielleicht vergleichen mit dem Paris der französischen Revolution und dem Athen unter Perikles. Es war das Ende einer Welt. Und was Strauss und Hofmannsthal anging, war es auch ganz spezifisch das Ende ihrer Welt.

APA: Es war eine Zeit der Umbrüche in der Gesellschaft: Freud wurde stark rezipiert, Frauen kämpften für ihre Rechte, der Krieg hatte tiefe Wunden geschlagen...

Huguet: Das steckt da alles drin. Es ist zugleich ein feministisches Märchen und eine esoterische Gewaltparabel. Und dabei werden diese eigentlich unglaublichen Wechsel vollzogen zwischen dem ganz Intimen und der ganz großen Skala.

APA: Brauchen Sie für sich persönlich einen Bezug zur Gegenwart?

Huguet: Ich brauche eine Notwendigkeit für die Geschichte. Ich muss mich fragen, wie und warum sie mich, heute und jetzt, berührt. Aber dafür muss sie nicht so aussehen wie heute. Man könnte die Geschichte natürlich fokussieren, auf grelle Themen, die auch heute eine plakative Bedeutung haben: Vergewaltigung, Abtreibung, Leihmutterschaft. Ich glaube aber, dass dabei eine Mehrdeutigkeit verloren geht, die ich nicht verlieren will.

APA: Sie setzen also auf eine zeitlose Deutung?

Huguet: Ich betrachte es als Märchen, in all seiner Offenheit. Gleichzeitig bemühe ich mich sehr darum, dass man die Geschichte, die im Libretto erzählt wird, wirklich versteht. Es ist eine sehr komplizierte Geschichte - im Gegensatz zu vielen anderen Opern mit einem eher banalen Plot, aus dem man dann als Regisseur etwas Interessantes machen muss. Hier will ich herausfinden: Was steht wirklich im Libretto?

APA: Als Assistent von Patrice Chereau, Peter Sellars oder Luc Bondy haben Sie aber wohl auch Ihre Erfahrungen mit dem Regietheater gemacht...

Huguet: Natürlich - und ich betrachte das bis zu einem gewissen Grad auch als Generationenfrage. Für jemanden wie Patrice Chereau, mit dem ich lange eng zusammengearbeitet habe, war es notwendig, sich von der traditionellen Inszenierung zu lösen, die Werke neu zu befragen. Das war ein Befreiungsschlag. Aber ich habe die meisten Opern als moderne Inszenierungen kennengelernt. Für mich ist oftmals das Spannende, zu fragen: Was passiert, wenn wir versuchen, zu der originalen Oper zurückzukehren?

APA: Die „Frau ohne Schatten“ ist eine gewaltige Herausforderung für die Sänger. Fühlen Sie sich davon eingeschränkt?

Huguet: Ich fühle mich ihnen und der Musik verpflichtet. Das bedeutet, auf sie Rücksicht zu nehmen. Ich lote gemeinsam mit den Sängern aus, was für sie geht - und was nicht. Nina Stemme etwa geht sehr planvoll vor - sie überlegt sich genau, wo und wann sie sich in diesem Stück erholen kann. Es gibt Momente, da kann ich als Regisseur viel machen - und manchmal eigentlich gar nichts. Da müssen sie einfach singen. Und ich kann ihnen nur helfen, indem ich ihnen ein Bühnenbild gebe und sie darin so platziere, dass es sie unterstützt.

APA: Auch ihr Dirigent Christian Thielemann legt viel Wert darauf, auf die Sänger einzugehen.

Huguet: Es ist unglaublich, was er mit dem Orchester macht. Er sagte mir, es wird wahrscheinlich die leiseste Frau ohne Schatten jemals - darauf ist er sehr stolz. Die Musik klingt so delikat, in manchen Momenten fast kammermusikalisch. Ich weiß auch, wie wichtig es ihm ist, mit den Sängern während des Stücks in Beziehung zu sein - und das ermögliche ich ihm gerne.

APA: Gemeinsam mit Chereau haben Sie 2013 eine „Elektra“ für Aix-en-Provence erarbeitet und nach seinem Tod die Neueinstudierungen auf der ganzen Welt betreut. Wie wichtig war diese Strauss-Vorerfahrung, um sich jetzt an die Jubiläumsausgabe zu wagen?

Huguet: Das war entscheidend, ich hätte es mir sonst nicht zugetraut. Wir haben drei Jahre lang an „Elektra“ gearbeitet, ich habe mit diesem Stück deutsch gelernt! (lacht) Und ich habe gelernt, mit Umfang und Dichte dieses Materials umzugehen - mit sehr viel Respekt und Demut.

(Das Gespräch führte Maria Scholl/APA)

(S E R V I C E - „Die Frau ohne Schatten“ von Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal am der Staatsoper, Opernring 2, 1010 Wien. Dirigent: Christian Thielemann, Regie: Vincent Huguet. Bühne: Aurelie Maestre. Mit Stephen Gould - Der Kaiser, Camilla Nylund - Die Kaiserin, Evelyn Herlitzius - Die Amme, Sebastian Holecek - Geisterbote, Wolfgang Koch - Barak, Nina Stemme - Sein Weib, Maria Nazarova - Hüter der Schwelle des Tempels, Benjamin Bruns - Stimme eine Jünglings, Maria Nazarova - Stimme des Falken, Monika Bohinec - Stimme von oben, Samuel Hasselhorn - Der Einäugige, Ryan Speedo Green - Der Einarmige, Thomas Ebenstein - Der Bucklige. Premiere am 25. Mai 2019. Weitere Aufführung am 30. Mai sowie am 2., 6. und 10. Juni. www.wiener-staatsoper.at)




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