Letztes Update am So, 09.06.2019 00:17

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Romeo Castelluccis Todesarten-Zyklus bei Wiener Festwochen



Normalerweise gilt: Einem Kranken oder Verunfallten ist Erste Hilfe zu leisten. Nachdem die Rettungskräfte übernommen haben, ist Diskretion angesagt. Schaulustige sind verpönt, ja verboten, wenn es um Leben und Tod geht. In Romeo Castelluccis „Le Metope del Partenone“ findet sechsmal ein Kampf auf Leben und Tod statt. Sechsmal siegt der Tod. Und wir sind zum genauen Hinsehen aufgefordert.

Die Wiener Festwochen haben heuer zwei performative Arbeiten des italienischen Regisseurs Romeo Castellucci eingeladen. Für „La vita nuova“ wurde die Halle 1 der Gösserhallen zu einem Parkhaus umfunktioniert. Bei „Le Metope del Partenone“, 2015 auf der Art Basel uraufgeführt, fährt dagegen sechsmal ein Einsatzwagen des Wiener Roten Kreuzes vor, mit Blaulicht und Signalhorn. Die Rettungskräfte sind echt, ihre Bemühungen wohl nur angedeutet. Sonst käme man ins Grübeln über ihren Verzicht auf Ansprache der Verletzten, ihre rasche Aufgabe des Kampfes um sein Leben und ihr unverzügliches Alleinlassen des Verstorbenen.

Castellucci geht es offenbar um etwas Anderes. Aber um was? Das herauszufinden ist während dieser knapp einstündigen Aufführung nicht leicht. Der Titel „Le Metope del Partenone“ bezieht sich auf Kampfszenen, die sich auf Reliefplatten des Parthenon befinden, und bietet zur Auflösung des ebenso streng choreografierten wie rätselhaften Abends wenig Hilfe. Rätsel hat der Regisseur sogar ganz buchstäblich eingebaut.

Der Ablauf, der sechsmal durchgespielt wird, ist nämlich stets Folgender: In der leeren Halle, in der sich die Zuschauer frei bewegen dürfen, wird ein Schauspieler oder eine Schauspielerin mittels diverser Flüssigkeiten als Opfer präpariert. Die Verletzungen sind dabei mannigfaltig und reichen vom abgetrennten Bein bis zu schweren Verbrennungen. Kurz nachdem der Verletzte alleine gelassen wird, beginnt sein „Spiel“, ein von Schreien und Hilferufen untermaltes Realisieren des eigenen Zustandes. Kurz darauf trifft das Notarzt-Team ein und beginnt mit der Akutversorgung. Ein rasch angeschlossener Monitor signalisiert jedoch schon bald den eingetretenen Exitus. Der oder die Tote wird mit einem weißen Tuch zugedeckt, das Team rückt ab. Gemeinsam mit der baldigen Wiederauferstehung wird ein Texträtsel auf die Hallenrückwand projiziert. Mit dem Abgang des wiederauferstandenen Toten folgt die Auflösung. Der Nächste bitte.

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Ganz bewusst verletzt Castellucci in seiner Performance Tabus und macht uns zu Voyeuren. Das Spielen mit Leid und Tod, das Zwingen zur tatenlosen Beobachtung und das Unterstreichen der Nutzlosigkeit aller Versuche, es mit dem Schicksal aufzunehmen, muss man geradezu als verstörend und obszön empfinden. Welcher Erkenntniswert daraus entstehen soll, bleibt allerdings ein Rätsel. Es ist das siebente Rätsel des Abends. Das einzige, dessen Auflösung nicht enthüllt wird.




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