Letztes Update am Mo, 22.07.2019 06:28

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Salzburger Festspiele: Sellars kündigt Deja-vu zu „Titus“ an



Der US-amerikanische Opern-Erneuerer Peter Sellars ist dabei, den neuen „Idomeneo“ der Salzburger Festspiele in Szene zu setzen. Schauplatz ist die Felsenreitschule, in der Sellars auch 2017 einen hochgelobten „Titus“ präsentierte. Am Pult beider Opern-Produktionen: Teodor Currentzis. Rund eine Woche vor der Premiere hat der Starregisseur der APA folgendes Interview gegeben.

APA: Herr Sellars, Mozarts Jugendoper „Idomeneo“ ist ein relativ klein strukturiertes Werk. Wie passt das in die riesige Dimension der Felsenreitschule?

Sellars: Ich gehe an die Sache heran genau wie beim „Titus“. Was ich an der Bühne in der Felsenreitschule so liebe, ist der Klang von Stein. Da entsteht eine ganz besondere Mystik, die die Fragen nach Leben und Tod, um die es in dieser Oper ja geht, so realistisch wirken lässt. Da fühlt man die Vibration des Berges, das hat unglaubliche Kraft.

APA: Zu Mozarts Zeiten gab es kein Umweltproblem. In Ihrer Inszenierung wird der Klimawandel aber eine nicht unwesentliche Rolle spielen. Wie verknüpfen Sie dieses Phänomen mit Mozart?

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Sellars: Der Meeresgott Neptun (griechisch: Poseidon, Anm.) ist bei Mozart zornig, das Meer ist aufgewühlt. Der Held wird vom Meer fast verschlungen. Neptun verlangt Opfer. Auch wir müssen Opfer bringen. Das sieht so aus, dass wir nur noch 15 Jahre haben, um uns grundlegend zu ändern. Und zwar weltweit. Idomeneo ziert sich genauso wie wir heute. Aber Neptun lässt nicht mit sich reden, die Zahl der durch Hurrikans und andere Katastrophen verwüsteten Städte steigt von Jahr zu Jahr und wird weiter steigen.

APA: Es gibt nach wie vor Leute, die die Klimakrise leugnen. Dazu zählt US-Präsident Trump. Was sagen Sie als Amerikaner zu diesem Präsidenten?

Sellars: Wir befinden uns in einer weltweiten Führungskrise. Als ich hier in Salzburg im Jahr 1992 Messiaens „Saint Fancois d‘Assise“ inszeniert habe, war es völlig undenkbar, dass wir uns 25 Jahre später in einem Zeitalter der Diktatoren befinden würden. Das ist sehr, sehr ernst, die Welt bewegt sich im Moment rückwärts. Die Welt ist heute voll von Diktatoren. Es ist die gleiche Situation, in der sich auch Mozart befand. Aber vergessen wir nicht, Mozarts Generation hat die Demokratie etabliert, das müssen wir jetzt auch wieder tun.

APA: Vor zwei Jahren haben Sie das Spätwerk „Titus“ in der Felsenreitschule inszeniert, jetzt kommt das Frühwerk „Idomeneo“ am selben Ort. Wie unterscheiden sich Ihre beiden Regie-Konzepte voneinander?

Sellars: Als Mozart den „Titus“ schrieb dachte er an den „Idomeneo“, der ja bei der Uraufführung ein Desaster war und für den er Zeit seines Lebens keine endgültige Fassung herstellen konnte. Das war eine bittere Pille für ihn. Auch der „Titus“ ist unter schwierigen, wenig befriedigenden Bedingungen entstanden. Meine Konzepte für beide Opern sind einander ähnlich. Zudem sind viele Mitwirkenden die gleichen. Ich kann mir vorstellen, dass Zuschauer, die schon den „Titus“ gesehen haben, so etwas wie ein magisches Deja-vu erleben werden. Es ist wundervoll, diese beiden Opern, die miteinander in Konversation stehen, am selben Ort realisieren zu dürfen.

APA: Das unterstreichen Sie darüber hinaus mit einer zusätzlichen Arie.

Sellars: Ja, und zwar mit der wunderbaren Konzertarie „Ch‘io mi scondi di te“. Mozart hat dafür einen „Idomeneo“-Text verwendet. Wir haben diese Arie in die aktuelle Produktion eingebaut, sie quasi zurückgegeben.

(Das Gespräch führte Christoph Lindenbauer/APA)




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