Letztes Update am Mo, 04.02.2013 22:00

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Die Sprache als Identität und Heimat verstehen

Der Sprachwissenschafter und Mundart-Experte Hubert Brenn weiß wie kein Zweiter um das Kulturerbe „Ötztaler Dialekt“ Bescheid.



Von Markus Hauser

Imst, Längenfeld – Der Ötztaler Dialekt, konkret die Mundart von Längenfeld, wurde 2010 von der Unesco zum immateriellen nationalen Kulturerbe erklärt. Weshalb bei der Vielzahl existierender Dialekte gerade der Längenfelder Mundart diese Ehre zuteil wurde, darüber weiß wohl kaum jemand so gut Bescheid wie der Psychologe und Sprachwissenschafter Hubert Brenn. Seit seiner Kindheit bedient er sich dieser Mundart, hat sie Zeit seines Lebens nicht nur erforscht, sondern damit auch literarisch höchst wertvolle Werke geschaffen.

Im Rahmen des jüngsten, vom Katholischen Tiroler Lehrerverein veranstalteten, Literaturcafés gab Brenn Einblicke in die Geheimnisse des Ötztalerischen. Er ließ wissen: „Einen Ötztaler Dialekt gibt es nicht. Im vorderen Ötztal spricht man anders als im hintersten Ötztal. Auch innerhalb einer Familie bedient man sich generationsbedingt verschiedener Ausdrücke.“

Zum Kulturerbe habe es die Mundart aus der Längenfelder Gegend deshalb geschafft, „weil es die letzte lebende Quelle des Mittelhochdeutschen ist und damit eine Sonderstellung einnimmt“, führte Brenn aus. „Es ist in etwa die Sprache, derer sich ein Walther von der Vogelweide bediente. Viele der von uns verwendeten Wörter lassen sich auf das 11. Jahrhundert zurückverfolgen.“

Für Brenn ist der Dialekt die Sprache der Seele. Bereits als Schüler – fern von seiner Heimat – bediente er sich ihrer in schriftlicher Form in seinem Tagebuch, um damit sein Heimweh zu kompensieren. In Form von Lyrik und wissenschaftlichen Arbeiten verfasste Brenn seit 1959 unzählige Beiträge für diverse Fachliteratur.

Einen Dialekt zu erhalten, im Sinne von Konservieren, wäre für Brenn allerdings eine Katastrophe: „Eine Sprache ist etwas Lebendiges, sie entwickelt sich ständig. Sie zu konservieren, wäre höchst kontraproduktiv. Damit wird eine Sprache zur toten Sprache, wie etwa Latein.“

Weshalb aber gerade der Ötztaler Dialekt besser resistent ist gegen diverse, den Dialekt zerstörende Tendenzen, begründet Brenn folgendermaßen: „Für unseren Dialekt gilt wohl die Bequemlichkeitstheorie. Sie besagt, je langsamer eine Sprache gesprochen wird, desto resistenter ist sie gegen äußere Einflüsse.“ Für den ehemaligen Direktor der Pädagogischen Akademie Stams gilt der Grundsatz „Lokal reden – global handeln“, was heißt: Man spricht jeweils die Sprache, welche die jeweilige Situation gebietet.

Und jedes Wissen um eine andere Sprache fördert das Wissen um die eigene. Die Prognose für die Zukunft der Dialekte sieht Brenn allerdings alles andere als rosig: „Wir entwickeln uns sukzessive hin zum Einheitsbrei. Über Sprache als Kommunikationsmittel hinaus hat die Sprache die Qualität der Identität. Dieser Tatsache sollten wir uns viel mehr bewusst sein.“ Brenn lebt diese Identität im alltäglichen Leben und in seiner Lyrik, wenn er als sensibler Beobachter kritisch literarische Blicke auf seine Heimat, das Ötztal, wirft.




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