Letztes Update am Mo, 25.03.2013 12:44

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Der Marokkaner, der mit Bier und Toast statt Drogen handelt

Nordafrikaner haben in Innsbruck eigentlich nur zwei Alternativen: dealen oder Gefängnis. Doch es gibt Ausnahmen.



Von Thomas Hörmann

Innsbruck – Er verkauft Bier statt Haschisch, Toast statt Kokain, den Ziegelstadel kennt Abd Allah Fatihi nur von außen: Der bald 42-Jährige kann auf eine erstaunliche Karriere zurückblicken. Der Marokkaner, der wie viele seiner Landsleute vor einigen Jahren in Innsbruck strandete, ist heute stolzer Lokalbesitzer in der Höttinger Au. „Das Geschäft könnte zwar besser laufen, aber ich habe inzwischen einen zweiten Gewerbeschein“, will der Nordafrikaner auch in der Hausmeister-Branche Fuß fassen. Auch wenn hinter seinem Verbleib in Österreich noch ein großes Fragezeichen (Asylverfahren in zweiter Instanz noch nicht entschieden) steht, hat der Nordafrikaner seine Odyssee von Marokko nach Tirol nicht bereut.

Und es war eine Odyssee, die den Lokalbesitzer 2008 nach Innsbruck führte. „Zuerst bin ich mit einem kleinen Boot bei Gibraltar nach Spanien gekommen“, erinnert sich Abd Allah Fatihi. Eine lebensgefährliche Überfahrt, die keineswegs ins Paradies führte. „Spanien war keine Reise wert, für Migranten gab‘s dort keine Möglichkeiten“, erinnert sich der Nordafrikaner. Also setzte der Flüchtling seine Reise ins Ungewisse fort. Und die führte über Frankreich nach Italien. Aber auch dort sah Abd Allah Fatihi keine Möglichkeit, seinen Traum von einem Leben in bescheidenem Wohlstand zu verwirklichen. „Schließlich bin ich in Österreich gelandet.“

Und zwar im Flüchtlingslager Traiskirchen in Niederösterreich. Dort fiel dann auch die Entscheidung, dass der Marokkaner sein Glück in Innsbruck versuchen will. „Es hieß, Innsbruck sei das Paradies, mit tollen Jobmöglichkeiten, vielen Landsleuten und einem Netzwerk, das einem hilft, dort rasch Fuß zu fassen.“

Doch die Wirklichkeit sah anders aus: Die „vielen Jobmöglichkeiten“ waren auf den Handel mit Drogen beschränkt, das „Netzwerk“ verhalf bestenfalls zu einem Aufenthalt in der Justizanstalt.

Abd Allah Fatihis Traum sah anders aus. Die manchmal bitterkalten Nächte verbrachte der Südländer in den Waggons am Westbahnhof, manchmal fand er im Keller der Teestube oder in der Notschlafstelle ein warmes Nachtlager. Doch der Nordafrikaner gab nicht auf. In der Stadtgärtnerei fand Abd Allah Fatihi seinen ersten (zeitlich begrenzten) Gelegenheitsjob, im Begegnungsbogen schwang er beim regelmäßigen Treffen seiner Landsleute einmal wöchentlich den Kochlöffel. Und knüpfte dabei wertvolle Kontakte zu Streetworkern und Sozialarbeitern. Das Glück, das Abd Allah Fatihi so lange suchte, fand er dann in Vera: Die Innsbruckerin „hat mich in einem Bericht der Tiroler Tageszeitung über die Notschlafstelle gesehen und Kontakt zu mir aufgenommen“.

Für den Nordafrikaner die Wende, auf die er seit seiner Kindheit gehofft hat. Vera und Abd Allah Fatihi sind seither ein Paar, „ihre Kinder sind wie meine“, ist der 42-Jährige jetzt glücklich. Vera half ihrem Freund aus der Gosse, sie half auch bei der Eröffnung des Imbisslokals. Kontakt zu seinen Landsleuten hat der Marokkaner keinen, „das führt nur zu Problemen“.

Dass Abd Allah Fatihi seine Heimat verließ, lag auch an den dort trostlosen Lebensumständen: „Ich hatte keine Chance auf eine anständige Schulbildung, mit neun Jahren musste ich bereits zur Arbeit und mir meine Schuhe selbst kaufen“, erinnert sich der Flüchtling. „Es war nicht ungewöhnlich, dass unsere Mutter nur vier Kartoffeln für die fünf Kinder hatte.“ Und nur wenige Kilometer vom hungrigen Elend entfernt, auf der anderen Seite der Meerenge von Gibraltar, lockte das reiche Europa.

Auch seiner Gesundheit hat die Flucht nach Österreich gutgetan: „Ich hatte von der Kindheit an Probleme mit meinen Ohren, in Marokko konnte mir niemand helfen.“ In Tirol schon – die Ohrenschmerzen sind Vergangenheit.

Zum endgültigen Glück fehlt jetzt nur noch die Annahme von Abd Alah Fatihis Asylantrag.