Letztes Update am Di, 23.04.2013 21:56

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Hochprozentige Tradition aus der Enzianwurzel

In Galtür wird seit Jahrhunderten Schnaps aus der Enzianwurzel gebrannt. Die Gemeinde will den „Enzner“ nun als Kulturerbe schützen lassen.



Von Matthias Reichle

Galtür – Der Enzner ist den Galtürern heilig – bis zum Höchstgericht nach Wien sind sie einst gegangen und haben dort für das alte Recht, aus den Wurzeln des punktierten Enzians Schnaps zu brennen, gekämpft.

Von einer Schnaps-Idee zu sprechen, ist deshalb verwegen – selbst wenn es positiv gemeint ist. Die Gemeinde möchte nämlich die lange Tradition von der Unesco in den Rang eines immateriellen Kulturerbes heben lassen. Das bestätigt der Bürgermeister Toni Mattle. Zuletzt wurden damit das Fisser Blochziehen oder der Ötztaler Dialekt geadelt.

„Die Pflanze selbst kann man nicht schützen, aber die Standorte und Verarbeitung“, betont der Galtürer Dorfchef.Der Enzner ist fest in seiner Gemeinde verwurzelt. Selbst der Literatur-Nobelpreisträger Ernest Hemingway hat bei seinem Besuch im Madlenerhaus „Gebirgsenzian“ getrunken. Der älteste Nachweis für den Enzner stammt von 1705. Es handelt sich um ein Grabrecht auf der Alpe Schiffanella. Es sind nämlich die Wurzeln mit ihren erlesenen Bitterstoffen, die zu Hochprozentigem verarbeitet werden.

Die jahrhundertealte Tradition wäre fast zum Erliegen gekommen, als die Pflanze unter Naturschutz gestellt wurde. Vor dem Verwaltungsgerichtshof wies die Gemeinde nach, dass Vielfalt und Artenreichtum durch die Entnahme nicht gefährdet seien, erinnert Mattle. Dank regelmäßigen Kontrollen der Umweltbehörde durfte das alte Recht seither weiter ausgeübt werden.

Die Galtürer haben sich dabei ein kompliziertes System einfallen lassen. Unter 80–90 Bewerbern werden jedes Jahr 13 Grabrechte verlost. Ab dem 1. Oktober darf dann nach den Enzianwurzeln gesucht werden. Wer einmal drankommt, darf drei Jahre nicht mehr an der Verlosung teilnehmen. Ihre Ausbeute bringen die Familien zu Rudolf Walter, der die Wurzeln veredelt. 5 bis 6 Liter Schnaps schauen pro Brennrecht heraus, betont dessen Sohn Andreas Walter. Der Enzner habe einen hohen Stellenwert in der Gemeinde, bestätigt er. „Es ist eine Ehre, wenn einem ein Enzner ausgeschenkt wird.“ Sonst ist man eher sparsam mit der Köstlichkeit, die nach dem Dreikönigstag gebrannt wird. Nach der Enzianwurzel wird übrigens nicht nur in Galtür, sondern im Bezirk Landeck auch in Fließ, Tobadill, Kappl, Kaunertal und Ischgl gegraben.




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