Letztes Update am Fr, 16.03.2012 01:05

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


14. Wildsaustaffel

Auf den Zischgeles ohne Tempolimit

Skibergsteiger im Höhenrausch: Barbara Gruber und Richard Obendorfer pulverisierten bei der klassischen hochalpinen Wildsaustaffel in Praxmar die Rekordmarken auf die Zischgeles-Scharte.



Von Robert Ullmann

Praxmar – Jährlich grüßt das Murmeltier. Im Tiroler Sellraintal jährlich die Wildsau(Staffel). Wenn sie regiert, ist ein ganzes Tal im Stress, der Weiler Praxmar im Ausnahmezustand und zweihundert Skitouren-Fans im Rennfieber. Ja, dann schnallt sich selbst der Bürgermeister von St. Sigmund die Abfahrtsskier an. „Ich war schon bei den ersten Rennen von der Lüsener Spitze dabei“, meinte Karl Kapferer, nachdem er („Bin diesmal als Ersatzmann eingesprungen“) vom Zischgeles unter neun Minuten ins Tal düste. Respekt, Herr Bürgermeister!

Der im Alpenraum wohl einzigartige hochalpine Klassiker mit den Anstiegen und Abfahrten auf Lampsen und Zischgeles schrieb auch heuer viele Kapitel. Im Prolog dafür steht aber in fetten Lettern Teamgeist. Bestätigt durch die vielen freiwilligen Helfer vor Ort und am Berg, andererseits durch die Begeisterung und Einsatzfreude der Athleten. Letztere sorgten einmal für ein Spektakel nach Gämsenart. Wobei es wieder schwerfällt, zwischen den gämsen-schnellen Aufsteigern und den vor Mut sprühenden Abfahrern zu werten.

Jeder aber, der im Aufstieg den inneren Schweinehund besiegte, dabei für persönliche Bestzeiten sorgte, verdiente Anerkennung. Genauso die Abfahrer, die Kopf und Kragen riskierten, dabei am schmalen Grat zwischen Vernunft und Risiko bei schlechten Lichtverhältnissen ins Tal rasten. Ohne Tempolimit. Am Limit, im Sinne des Teamgeistes, aber jeder. Wie zum Beispiel Benjamin Prantner, der auf einem Ski ins Ziel düste. Auf zwei Brettln und als Erster raste Florian Falkner von der Lampsenscharte. „Wegen der schlechten Sicht konnte ich die Skier nicht so richtig laufen lassen“, meinte der 35-jährige zweifache Familienvater bescheiden, nachdem er die schnellste Abfahrtszeit auf der zweiten Teilstrecke fixiert hatte. „Den Rekord von der Lampsen werde ich wohl nicht mehr brechen“, betonte der Axamer, der seit dem Jahr 2000 die Rekordmarke vom Zischgeles (2,27 Minuten) hält.

Apropos Zischgeles. Scheinbar der Lieblingsberg von Richard Obendorfer. „Im Rennen meines Lebens“ unterbot der 45-jährige Statiker und Vater von zwei Töchtern mit 49,54 Minuten seine eigene Bestmarke von 51 Minuten aus dem Jahr 2010. Damit nicht genug. Obendorfer ging als Drittplatzierter mit über 4 Minuten Rückstand auf die Strecke, überholte dabei noch den Führenden Martin Bader und übergab als Erster auf der Zischgeles-Scharte. Die Entscheidung. Abfahrer Roland Striemitzer (Thaur) ließ sich den Sieg nicht mehr abjagen. Obendorfers Geheimnis des Erfolges? „Talent und tägliches Training“, betont der in Bayern geborene Sistranser, der seit 14 Jahren in Österreich lebt, sich im Vorjahr den österreichischen Meistertitel eroberte und heuer bereits 115.000 Höhenmeter in den Beinen hat.

Österreichischer Team­meister 2010 steht auf der Wettkampfkarte Jörg Randls. Der Polizist, diesmal nicht auf Verbrecherjagd, sondern auf der Jagd nach persönlichem Aufstiegsrekord, brachte sein Team in Führung. Eine Führung, die Abfahrer Florian Falkner auf über 4 Minuten ausbaute. Dennoch zu wenig, um den Gesamtsieg von 2009 zu wiederholen.

Eine Klasse für sich die Watzmann-Dirndln aus Bayern. Sie fixierten ihren insgesamt fünften Gesamtsieg. Herausragend dabei Barbara Gruber. Mit der neuen Rekordmarke von 55,25 Minuten pulverisierte sie ihre eigene Bestmarke auf die Zischgeles-Scharte aus dem Jahre 2008 um acht Minuten. Sportmed-Telfs/Sport Bartl sicherte sich nach einem dramatischen Abfahrtsduell auf den letzten Metern noch Rang zwei.

Nicht unerwähnt darf das Hoppala des Tages bleiben: Ein Abfahrer aus Innsbruck stieg auf den falschen Gipfel auf. Was soll‘s, dachte sich der Lampsen-Aufsteiger, schnappte sich einen Helm und düste ins Tal. Bleibt noch das wichtigste Fazit der 14. Wildsaustaffel: unfallfrei!




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