Letztes Update am Mo, 13.02.2012 07:19

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


„Ich bin, wie ich bin – eben ganz normal“

Die Wahltirolerin Daniela Iraschko ist eine Weltklasse-Skispringerin und Fußballtorhüterin. Sie will hoch hinaus, weit hinunter – und eine Wohnung mit einer Feuerwehrstange.

© thomas boehm



Das Erste, was einem an Ihnen auffällt, ist Ihre Haarpracht. Was hat es damit auf sich?

Daniela Iraschko: Ich färbe mir die Haare, seit in 15 Jahr alt bin. Mir hat‘s gefallen und ich war halt immer schon eine Revoluzzerin.

Wenn pinkfarbene Haare das Drastischste sind, womit Sie als Jugendliche aufbegehrt haben, dann geht‘s ja noch!

Iraschko: Ich glaube, einfach war ich nicht. Und bin es heute noch nicht.

Inwiefern?

Iraschko: Ich war mit den Erziehern im Internat immer auf Kriegsfuß. Aber da ich immer gut in der Schule und im Sport war, haben sie sich schwer damit getan, mich zu disziplinieren. Da gab‘s halt etliche veraltete Regeln, die mir überhaupt nicht eingeleuchtet haben – vor allem, dass den Burschen mehr Freiheiten eingeräumt wurden als mir. Damit habe ich mich nie abfinden wollen.

So gesehen kein Wunder, dass Sie mit Skispringen und Fußball zwei traditionelle Männersportarten betreiben!

Iraschko: Mittlerweile ist es beim Skispringen eh lässig – wir haben den Weltcup und starten 2014 bei den Olympischen Spielen, wir können beim Bundesheer oder wie ich bei der Polizei arbeiten. Aber als ich 1996 damit angefangen habe. . .

. . .gab‘s nicht einmal offizielle Wettkämpfe im Damenskispringen.

Iraschko: Erst ab 1998, ja. Lange war es schon das höchste der Gefühle, dass es einen Continentalcup und Weltmeisterschaften gab – mit 300 Euro Preisgeld für die Siegerin. Davon kann man natürlich nicht leben. Das war ein ständiger Kampf, der mir aber eigentlich gutgetan hat.

In diese Blase zu geraten, in der Spitzensportler bisweilen leben, war für Sie nie eine Gefahr?

Iraschko: Mich auch mit anderen Dingen zu beschäftigen, ist jedenfalls wichtig für mich. Heuer habe ich in dieser Hinsicht ganz neue, interessante Erfahrungen gemacht. Früher hatten wir einen, maximal zwei Trainer bei Wettkämpfen dabei, du musstest selbst deine Ski wachseln, schauen, dass du alles beisammen hast. Du hattest viel mehr höchstpersönliche Verantwortung. In der laufenden Saison war ich wochenlang grantig und unzufrieden und bin im Gespräch mit einer Psychologin irgendwann draufgekommen, dass wohl genau das der Punkt ist: Ich brauche auch etwas anderes als nur den Sport. Nur von Ergebnissen abhängig zu sein, macht einen wahnsinnig. Ich muss heraus aus dieser Blase, alles mit ein bisschen Distanz sehen. Und ich weiß: Wenn ich nicht mehr Skispringen könnte, wäre ich auch glücklich.

Das sagen Sie in vollem Bewusstsein und auf der Höhe Ihrer Karriere?

Iraschko: Kurz vor der ersten Weltmeisterschaft 2009 in Liberec hatte ich schon einmal für ein halbes Jahr aufgehört. Es gab Schwierigkeiten im Verband und mit dem Trainer, man wollte mir nicht erlauben, auch Fußball zu spielen. Da sagte ich: „Okay, dann will ich Skispringen auch nicht mehr.“ Ich habe in meinem Beruf als Finanzberaterin gearbeitet, hatte einen der schönsten Sommer meines Lebens. Dann wurde ich dazu überredet, es doch wieder zu probieren. Ich ging hin – und sprang besser als vorher.

Sie haben vor einer Woche Ihre allerersten beiden Weltcupsiege errungen, weil es für Damen ja erst seit dieser Saison überhaupt einen Weltcup gibt.

Iraschko: Lieber wäre mir natürlich gewesen, gleich das allererste Weltcupspringen zu gewinnen!

Außerdem gibt es nach wie vor keine andere Frau, die jemals an die 200 Meter gesprungen ist. Wie fühlt es sich an, eine Pionierin zu sein?

Iraschko: In den letzten Jahren hat sich viel getan in unserem Sport. Früher musste ich viel mehr kämpfen, habe immer und immer wieder eine aufs Dach gekriegt. Das tut weh, und irgendwann resigniert man. Ich dachte nicht, dass ich es noch in meiner aktiven Karriere erleben würde, dass Damenskispringen olympisch wird. Das ist wirklich cool.

Warum galt Skispringen so lange als reine Männersache? Gibt es einen physiologischen Grund dafür, dass Frauen weniger gut springen sollten als Männer?

Iraschko: Überhaupt nicht, unsere ist eine der wenigen Sportarten, bei denen man als Zuschauer keinen Unterschied erkennt. Das ist einerseits eine Chance, aber vielleicht auch gerade ein Grund dafür, dass die Entwicklung verzögert und behindert wurde.

Vom Skiverband?

Iraschko: Eher vom IOC.

Gehen Ihrer Erfahrung nach Frauen anders an Spitzensport heran als Männer? Gibt‘s einen Unterschied im Kopf?

Iraschko: Bestimmt. Es ist etwas Wahres an dem Klischee, dass Frauen feinfühliger sind. Gerade in technischer Hinsicht ist das vor allem in jungen Jahren sicher von Vorteil. Unterschiede gibt‘s aber auch von Person zu Person, unabhängig vom Geschlecht. Es gibt Leute mit unendlich viel Talent, es gibt Beißer, es gibt hyperaktive und ganze ruhige Athleten.

Gewisse Eigenschaften teilen wohl alle Spitzensportler: einen gewissen Egoismus, Härte zu sich selbst, die Fähigkeit, nach Niederlagen aufzustehen und weiterzumachen.

Iraschko: Auf alle Fälle. Wenn man jung ist, ist alles leicht und einfach, da denkt man nicht viel nach. Dann wirst du älter, musst auf eigenen Beinen stehen, dein Leben selbst organisieren. Du erleidest viele Niederlagen, die auf jeden Fall prägender sind als die Erfolge. Und du musst immer die Balance zwischen Ehrgeiz und der Freude an der Sache finden. Das ist das Schwierigste.

Wie sind Sie zum Skispringen gekommen?

Iraschko: Bei uns zu Hause steht eine Schanze, ich wollte das einfach immer schon, aber ich durfte zuerst nicht. Also habe ich es mit Langlaufen probiert, aber ich bin so klein, dass ich, egal wie gut ich läuferisch und sportmotorisch war, immer fünf Schritte mehr machen musste als andere. Außerdem war es mir zu langweilig, ich bin auch auf Langlaufskiern immer lieber freestyle herumgehüpft. Dann hat mir meine Mama irgendwann doch erlaubt, Skispringen zu probieren – in der Hoffnung, dass ich es eh wieder lassen würde.

Und wie haben der Fußball und Sie zusammengefunden?

Iraschko: Auch das habe ich mit der größten Selbstverständlichkeit schon als Kind daheim im Hof gemacht – allerdings damals noch im Feld. Ich war ursprünglich Stürmerin.

Wie sind Sie dann ins Tor geraten?

Iraschko: Als einmal alle Torfrauen verletzt waren, hat der Trainer eine Freiwillige gesucht. Da habe ich dann zu viel Talent gezeigt. Das Lustige ist: Anfangs galt bei gegnerischen Spielerinnen immer die Devise: Kleine Torfrau – hoch schießen! Mittlerweile kennen mich leider alle und wissen, dass ich Skispringerin bin, also außergewöhnlich hoch springe.

Die Torleute gelten in allen Sportarten als ganz eigene Typen, oft schwierig und eigenbrötlerisch.

Iraschko (lacht): Ein bisschen verrückt musst du im Tor sicher sein, aber ein weiblicher Olli Kahn bin ich nicht. Es stimmt zwar, dass du als Torfrau eine Art Einzelsportlerin bist, aber man gewinnt und verliert eben doch immer als Mannschaft.

Stehen die Fußball-Torfrau und die Skispringerin im Training einander im Weg oder ergänzen die beiden einander?

Iraschko: Tatsächlich sind das Tormann- und das Skisprungtraining nicht unähnlich.

Wenn Sie zwischen Skispringen und Fußball wählen müssten, welchen Sport würden sie aufgeben?

Iraschko: Keinen von beiden. Skispringen geht insofern vor, als es mein Job ist. Aber nicht Fußball zu spielen, wäre hart für mich. Die Mannschaft ist für mich fast eine Art Familienersatz in Innsbruck. Ich kann jedem Einzelsportler nur empfehlen, auch einen Mannschaftssport zu machen. Da erfährt man nämlich plötzlich, dass man grundsätzlich etwas wert ist – auch wenn du einmal sch. . . spielst, bist du Teil der Mannschaft.

Lernt man als Frau, die sich als Frau ein Leben lang in Männerdomänen umtut, früher als andere, mit Kränkungen und Geringschätzung umzugehen?

Iraschko: Meine unmittelbare Umgebung, Menschen, die mir wichtig sind, haben eigentlich immer positiv reagiert, auch die männlichen Skisprungkollegen. Die mussten sich im Training schon zusammenreißen und ein paar von ihnen schlage ich nach wie vor. Es ist eher so, dass man sich selbst denkt: Wenn ich ein Bursch wäre, hätte ich jetzt schon ausgesorgt. Viel Geringschätzung erfährt man durch Strukturen, die den eigenen Sport behindern, aber man muss versuchen, das nicht persönlich zu nehmen.

Sie machen kein Geheimnis daraus, lesbisch zu sein. Haben Sie jemals darüber nachgedacht, diesen Teil Ihrer Persönlichkeit zum Beispiel aus Gründen des Selbstschutzes unter Verschluss zu halten?

Iraschko: Ich denke, es ist genau umgekehrt: Ich mache gerade aus Selbstschutzgründen kein Geheimnis daraus. Würde ich mich verstecken, was ich sowieso nie will, entstünden Gerüchte und ich böte Angriffsflächen. Aber so kann mir niemand weh tun, ich erspare mir dadurch viele Schwierigkeiten.

Sie haben es Ihrem Empfinden nach nicht schwieriger im Leben als Heterosexuelle?

Iraschko: Überhaupt nicht. Ich meine, ich tätowiere es mir nicht ins Gesicht.

Auf meiner Stirn steht ja auch nicht: „Ich bin heterosexuell!“

Iraschko: Eben. Ich bin, wie ich bin. Ganz normal.

Warum, denken Sie, ist es für männliche Spitzensportler nach wie vor schwierig bis unmöglich, sich zu outen? Für Fußballer sowieso undenkbar, aber auch von einem schwulen Skispringer hat man noch nie gehört.

Iraschko: Warum das so ist, weiß ich auch nicht. Ich kenne keine schwulen Skispringer. Aber dass gerade Fußballer sich bedeckt halten, verstehe ich. Die Häme, der sie ausgesetzt wären, müsste erst einmal einer ertragen.

Erfüllen Sie als prominente Sportlerin eine Vorbildfunktion für die Enttabuisierung von Homosexualität?

Iraschko: Darüber habe ich mir ehrlich gesagt noch nie Gedanken gemacht. Aber wenige leben wirklich offen und ich kenne viele, die das fertigmacht.

Wovon träumen Sie?

Iraschko: Irgendwann wollen meine Freundin und ich eine große, richtig cool eingerichtete Wohnung, so eine Maisonette mit einer Wendeltreppe und einer Feuerwehrstange. Das wäre der Hammer! Und sonst? Wenn es so ist, wie jetzt, passt es eh. Ich habe alles, mir geht es eigentlich viel zu gut.




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