Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 28.10.2017


Bezirk Reutte

100 Bewerbungen, aber kein Job

Die Frage, ob ein Abschluss einer Fachhochschule für Tourismus-Management eine Überqualifizierung darstellt, wirft der Fall einer mühsamen Jobsuche auf.

© Mittermayr HelmutLinda Glätzle, die junge Zöblerin, hat eine Botschaft: Ein Tourismus­studium kann die versprochene Jobsicherheit nicht halten.Foto: Mittermayr



Von Helmut Mittermayr

Zöblen – Händeringend wird im Tourismus nach Fachkräften gesucht. Ein Reuttener Gastronom etwa überlegt sich bereits ernsthaft, ein Personalhaus im Talkessel zu baue­n, um Interessierte aus dem Osten Europas für Küche und Service gewinnen zu können. Angesichts der Knappheit an Mitarbeitern müsste eigentlich jeder und jede eine Stelle bekommen. Noch dazu, wenn er oder sie topausgebildet sind – müsste man glauben. Der Fall von Linda Glätzl­e aus Zöblen zeigt, dass vor allem Jobs an der Dienstleistungsfront gesucht werden, aber nicht im Management.

Linda Glätzle ist 24 Jahre alt und hat gerade erfolgreich ihr Bachelorstudium für Tourismus-Management an der Fachhochschule Kempten abgeschlossen. Sie hat diverse Praktikas und mehrmonatige Auslandseinsätze hinter sich und spricht verhandlungssicher Englisch und Spanisch und sehr gut Französisch. In zwei Wellen, im Frühjahr und jetzt im Herbst, hat sie insgesamt 100 Initiativbewerbungen verschickt. Rund die Hälfte im Bezirk Reutte, den Rest auch in erreichbaren Umfeld. „Immer heißt es dann, dass man zwar jung sein sollte, aber zugleich jahrelange Berufserfahrung gesucht sei. Und dass natürlich alles günstig sein soll“, erklärt Glätzle, die trotz ihrer Initiativbewerbungen noch ohne Stelle dasteht. „Ich will ja nicht an der Rezeption eines Hotels stehen. Dafür hätte ich nicht mehr als drei Jahre studieren und drei Semester in Mexiko und Chil­e auf mich nehmen müssen. Ich bewerbe mich für meine Studienschwerpunkte Marketing, Vertrieb, Finanzen.“

Das Studium Tourismus-Management biete von allem etwas, auch vertieft. Aber werde dies auch gebraucht? „Irgendwie produzieren die Hochschulen hier riesige Zahlen an Absolventen – und das vielleicht am Markt vorbei. Zumindest gibt es im Außerfern keinen Arbeitsmarkt dafür, obwohl sich das an der Fachhochschule immer ganz anders angehört hat.“ Der jungen Tannheimertalerin dämmert, dass sie möglichweise nur eine adäquate Stell­e bekommt, wenn sie weit weggeht. Und genau das will sie nicht. Linda Glätzle möchte nur einfach in der Region arbeiten – und das entsprechend ihrer Ausbildung, die an der Hochschule noch so verheißungsvoll schien.