Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 06.11.2017


Arbeitsmarkt

Frauen meiden technische Berufe

Im Kampf gegen den Fachkräftemangel wird versucht, Frauen für die Technik zu begeistern. Mit mäßigem Erfolg. Dabei sind die Verdienstmöglichkeiten sehr gut.

© APADie Zahl der Frauen in technischen Berufen ist zwar gestiegen, die Mehrheit entscheidet sich aber immer noch für klassische „Frauenberufe“.



Von Stefan Eckerieder

Innsbruck, Wien – Der Fachkräftemangel in Österreich spitzt sich immer mehr zu. Vor allem in technischen Berufen wird es für viele Unternehmen immer schwieriger, qualifizierte Mitarbeiter zu finden. Dabei gäbe es noch ein großes Arbeitskräftepotenzial. „Frauen haben häufig sehr gute Abschlussnoten. Wir müssen sie für die Technik motivieren“, sagt Michaela Leonhardt, Vorsitzende von Fem-OVE, einem österreichischen Netzwerk von Elektrotechnikerinnen.

Bemühungen, mehr Frauen für technische Berufe zu motivieren, gibt es schon seit Jahrzehnten. Das Programm FIT des AMS bietet bereits seit 2006 arbeitslosen Frauen eine Ausbildung im technischen und handwerklichen Bereich an. Im Schnitt beginnen in Tirol pro Jahr 80 Frauen das FIT-Programm, davon gehen 25 in eine Berufsausbildung, zeigen Zahlen des AMS Tirol. Andere AMS-Förderungen für Frauen in technischen Berufen gibt es bereits seit über 20 Jahren, dazu kommen „Girls’ Days“, bei denen jungen Frauen dieser Bereich nähergebracht wird. Dennoch steigt die Frauenquote nur langsam. 80 Prozent der HTL-Schüler sind Burschen, 47 Prozent der jungen Frauen entscheiden sich immer noch für eine Lehre im Einzelhandel, als Friseurin oder im Büro. Aber es gibt auch andere Trends: Der Frauenanteil bei Abschlüssen in naturwissenschaftlichen und technischen Fächern (MINT) an Universitäten ist seit dem Jahr 2000 von 27 auf 36 Prozent im Jahr 2016 gestiegen, an Fachhochschulen im selben Zeitraum von elf auf 23 Prozent. Der Lehrberuf Metalltechnik ist bei Frauen mittlerweile an neunter Stelle, auch die Zahl der weiblichen Lehrlinge in der Industrie ist seit 2010 um etwa 7 Prozent gestiegen, zeigen Zahlen des Wirtschaftsministeriums. Um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken, ist das aber zu wenig, sagt auch Wirtschaftsminister Harald Mahrer (ÖVP): „Die Wirtschaft sucht händeringend nach Fachkräften im Technik- und Digitalbereich. Dazu müssen wir insbesondere auch mehr Mädchen und Frauen für technische Berufe begeistern.“

Sabine Platzer-Werlberger, stellvertretende Landesgeschäftsführerin des AMS Tirol, ortet strukturelle Probleme: „Handlungsbedarf gibt es bei Rollenbildern, die in Schulen vermittelt werden. In vielen Betrieben ist es zudem schwierig für Frauen, Fuß zu fassen, weil Vorgesetzte oft gar nicht so leicht mit Frauen im beruflichen Umfeld umgehen können. Viele Frauen hören wieder auf.“ Erhebungen zeigen auch, dass Frauen in technischen Berufen bei gleicher Qualifikation häufig immer noch um bis zu 15 Prozent weniger verdienen als ihre männlichen Kollegen. Dabei bergen gerade technische Berufe für Frauen die Möglichkeit, die Gehaltsunterschiede zu verringern, weil die Verdiensmöglichkeiten weit besser sind als in den klassischen von Frauen dominierten Bereichen.

Weil viele „Initiativen nicht greifen“, setzt Fem-OVE auf Netzwerke und weibliche Vorbilder, erklärt Leonhardt: „In unserem Netzwerk lernen, unterstützen und inspirieren wir einander.“ Man wolle zeigen, dass „Frauen und Technik zusammengehören“. Die Berufswahl werde „oft immer noch von gängigen Klischees beeinflusst“, der Verband wolle diese unter anderem durch die Vermittlung neuer Rollenbilder aufbrechen, erklärt die Fem-OVE-Vorsitzende.