Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 26.03.2018


Arbeitsmarkt

Absprungrate hoch: Die schwindende Lust am Tourismus-Job

Tourismus-Chefin ortet Notwendigkeit, Image und Job-Bedingungen zu verbessern. Denn die Absprungrate bei Mitarbeitern ist hoch, Lehrlingszahlen brachen ein, und Betriebe werden sich schwertun, 36.000 Jobs zu besetzen.

© Getty ImagesVolle Betten, leere Küchen? Auch Tirols Tourismus fehlen Köche und Kellner. Kritiker prangern Job-Bedingungen und Bezahlung an.Foto: iStock/Getty Images



Wien, Innsbruck – Der Tourismus boomt, die Nächtigungen steigen, doch die Hoteliers brauchen mehr Personal. Gesucht werden vor allem Köche und Kellner, aber auch Hilfskräfte. „Der Mangel an Fachkräften ist teilweise wirklich schon eklatant“, sagte Branchensprecherin Petra Nocker-Schwarzenbacher vor Journalisten in St. Johann im Pongau. Ein Betrieb in Seefeld habe mangels Mitarbeitern ein ganzes Stockwerk gesperrt.

Von 2016 bis 2023 müsse die österreichische Beherbergungs- und Gastronomiebranche 36.000 zusätzliche Beschäftigte finden – davon 20.500 (57 %) Teilzeit- und 15.500 (43 %) Vollzeitkräfte –, wie aus einer Studie des Wirtschaftsforschungsinstituts (Wifo) hervorgeht, die im Auftrag des Arbeitsmarktservice (AMS) erstellt wurde. Davon werden in Summe voraussichtlich 7000 Köche und 9100 Kellner zusätzlich gesucht.

Stark betroffen ist demnach Tirols Tourismus, der bis 2023 weitere 6600 Personen finden muss, die im Tourismus arbeiten wollen. Nur Wien benötigt noch mehr (9200). Dahinter folgen Niederösterreich (4700) und Salzburg (4.100); am wenigsten sind das Burgenland (1300), Kärnten (1.400) und Vorarlberg (1900) betroffen.

„Pro 1000 Euro teurer Annonce meldet sich ein Kellner, der noch fünf andere Vorstellungsgespräche hat“, berichtete die Obfrau der Bundessparte Tourismus und Freizeitwirtschaft in der Wirtschaftskammer Österreich, die auch selbst ein Hotel führt. „Wir sind da etwas in einer defensiven Position.“ Es sei notwendig, das Image zu verbessern und die Bedingungen, die gewünscht seien, zu liefern. Als Grund für den Mitarbeitermangel in Gastronomie und Hotellerie wird immer wieder die Bezahlung angeführt. Tatsächlich wird die Branche erst heuer im Mai den Mindestlohn von 1500 Euro brutto für eine Vollzeitbeschäftigung erreichen. Von der Anhebung würde rund die Hälfte der 220.000 Beschäftigten profitieren, rechnete kürzlich die Gewerkschaft vida vor.

Immer weniger Menschen wollen aber eine Lehre im Tourismus anfangen – in den zehn Jahren zwischen 2006 und 2016 verringerte sich die Anzahl der Lehranfänger in der Branche laut Statistik Austria um fast 40 Prozent (von 5268 auf 3161). „Es hat in allen Branchen einen gewissen Rückgang gegeben“, sagte der Ökonom Martin Kocher vom Institut für Höhere Studien (IHS). In der gesamten Wirtschaft sei die Lehrlingszahl in dem Zehnjahreszeitraum aber nur um 23 Prozent, also deutlich weniger massiv als in der Hotellerie und Gastronomie, zurückgegangen. Auch die Innsbrucker Villa Blanka bekam dies zu spüren und stellt sich nun neu auf.

Im Tourismus komme noch hinzu, dass die Ausbildung in den ersten zwölf Monaten nach Lehrbeginn überdurchschnittlich häufig abgebrochen werde. „Die Betriebe sind oft sehr klein, und wenn es mit dem Chef nicht klappt, kann der Lehrling nicht einfach innerhalb des Unternehmens wechseln“, so der IHS-Chef. „Wir haben unverhältnismäßig mehr Lehrlinge mit Migrationshintergrund, darunter viele Analphabeten – einige geben auf“, ergänzte Nocker-Schwarzenbacher.

Im Tourismus herrscht nicht nur bei den Gästen, sondern auch bei den Mitarbeitern ein starkes Kommen und Gehen: Von den österreichweit insgesamt knapp 4 Millionen Arbeitnehmern waren im abgelaufenen Jahr laut Institut für Höhere Studien (IHS) rund 270.000 ganzjährig im Tourismus tätig. Es gab aber weitere fast 500.000 Personen, die 2017 zumindest einmal in der Beherbergungs- und Gastronomiebranche gearbeitet haben. „Daran sieht man: Der Tourismus ist oft eine Einstiegsbranche, eine Branche, wo man viel wechselt“, sagte IHS-Chef Martin Kocher. Er verwies auch auf einen relativ hohen Frauenanteil (60 Prozent) und einen relativ großen Anteil von Nicht-Österreichern von 44 Prozent, in der Gesamtwirtschaft liege der Schnitt bei nur 15 Prozent.

Die Beschäftigungsdauer schwankt je nach Bundesland. „Viele Beschäftigte im Tourismus arbeiten im Schnitt zwei Monate pro Jahr außerhalb der Branche“, berichtete Kocher. 2017 habe der durchschnittliche Beschäftigte 195 Tage im Tourismus, 50 Tage in einer anderen Branche und 120 Tage überhaupt nicht gearbeitet.

In Kärnten ist der Arbeitnehmer mit durchschnittlich 160 Tagen im Gastronomiebereich am kürzesten beschäftigt, in Wien, Niederösterreich und im Burgenland mit 240 bis 260 Tagen im Beherbergungsbereich bzw. 200 bis 220 Tagen in der Gastronomie am längsten. Tirol liegt entsprechend mit 160 bis 200 bzw. 240 Tagen dazwischen.

Kärnten weist auch als Sommerurlaubsdestination im Juli und August die Beschäftigten-Anstiege aus. Auf der anderen Seite sackt die Zahl der Mitarbeiter in Tirol, Salzburg und Vorarlberg im April, Mai und November massiv ab. (TT, APA)