Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 06.05.2018


Exklusiv

Taschengeld für eine 36-Stunden-Woche

In Österreich arbeiten rund 20.000 Menschen mit Behinderung in Werkstätten oder Küchen – ohne Gehalt, eigene Sozialversicherung oder Anspruch auf eine Pension, meist nur für ein geringes Taschengeld. Das muss sich ändern, fordert die Lebenshilfe.

© Foto TT / Rudy De Moor„Gehalt statt Taschengeld“: Alle stehen hinter dieser Forderung. Zum Tag der Inklusion wurde am Gebäude der Lebenshilfe ein riesiges Transparent angebracht.Foto: De Moor



Von Michaela S. Paulmichl

Innsbruck — „Gehalt statt Taschengeld", steht in großen Buchstaben auf dem 13 Meter langen Transparent geschrieben. Lebenshilfe-Beschäftigte haben es ausgerollt, bevor es anlässlich des Tags der Inklusion gut sichtbar auf der Fassade der Einrichtung in der Ing.-Etzel-Straße in Innsbruck angebracht wurde.

In Österreich sind Zehntausende Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung, die in Werkstätten und Tagesstrukturen außerhalb des offenen Arbeitsmarktes arbeiten, finanziell ein Leben lang Kindern gleichgestellt. Und laut Regierungsprogramm soll es auch so bleiben. Denn anstatt eines Gehalts, wie seit Jahren gefordert, ist darin nur eine Erhöhung des Taschengelds vorgesehen. Zum europäischen Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen gestern Samstag fordert die Lebenshilfe deshalb ein Ende der Abhängigkeit und „ein Entgelt für ihre Arbeit, mit dem sie ihr Leben gestalten können, und keine Kinderbeihilfe plus Taschengeld", wie Georg Willeit, Geschäftsführer der Lebenshilfe Tirol, sagt. Landesweit sind es rund tausend Menschen, die von der Einrichtung täglich in ihrem Arbeitsbereich begleitet werden. Ihre Tätigkeit gilt nicht als Erwerbsarbeit, sie sind nicht sozialversichert und haben auch keinen individuellen Anspruch auf eine Pension.

Melanie Besler aus Grän arbeitet seit 13 Jahren in der Küche der Lebenshilfe-Werkstätte in Reutte. Während ihrer 36-Stunden-Woche hilft sie bei der Essensausgabe, beim Geschirrspülen oder schneidet mit einer Maschine Gemüse. Die gewählte Gesamtsprecherin für alle Klienten in den Arbeitseinrichtungen der Lebenshilfe Tirol bekommt dafür 20 Euro pro Monat — mehr als andere, die 12 Euro erhalten, wie sie meint. Und: „Nein, das ist nicht in Ordnung, dafür kann ich mir nichts leisten." Einen Kaffee trinken, ein Eis essen, ins Kino gehen — „am liebsten mag ich Liebesfilme" — all das ist ohne Hilfe ihrer Eltern nicht möglich.

Es ist ein sehr eingeschränktes Leben, das mit der UN-Konvention — Menschen mit Behinderungen haben das gleiche Recht auf Teilhabe und Arbeit wie alle anderen auch, — nicht vereinbar ist. Darin beinhaltet ist auch das Recht, sich selbst den Lebensunterhalt zu verdienen, wie es von Seiten der Lebenshilfe heißt. In Österreich ist dieses internationale Übereinkommen der Vereinten Nationen schon seit 2008 in Kraft, zehn Jahre danach kann von einer vollständigen Umsetzung aber keine Rede sein.

„Das geht so nicht", sagt Melanie Besler. „Ich möchte ja auch meine Eltern unterstützen." Die 31-Jährige mag ihre Arbeit und findet es „toll, wenn ich nützlich sein kann". Für ihre Leistung sollte sie aber mehr Geld bekommen, findet sie. „Wenn ich einmal im Monat am Wochenende zu meinem Freund ins Zillertal oder in den Urlaub fahren möchte, würde ich mir das gern selber zahlen können. Ich trau mich schon gar nichts mehr ausmachen, weil die Zugfahrt mit meinem Taschengeld kaum leistbar ist."

Lebenshilfe-Geschäftsführer Willeit kritisiert diese „Einschränkung der persönlichen Freiheit", „jeder hat ein Recht auf Teilhabe, auf Freunde und Partnerschaft". Die aktuelle Entwicklung verstärke die Abhängigkeit und das Gefühl der Betroffenen, ausgeschlossen zu sein, außerdem zeuge sie von einem negativen Menschenbild. „Das bereitet mir große Sorgen."

Willeit fordert auch, dass mehr Unternehmen Menschen mit Behinderung einstellen sollten. Noch immer zahlen viele Betriebe lieber eine Ausgleichs­taxe. Einrichtungen der öffentlichen Hand sollten mit gutem Beispiel vorangehen, auch das Land Tirol sei säumig. „Wenn es gelingen würde, hier mehr Arbeitsplätze anzubieten, dann wäre das beispielhaft!" Eine Erhöhung der Taxe, wie derzeit diskutiert, sei dagegen kontraproduktiv, Förderungen für Unternehmen dagegen würden sich positiv als Motivation auswirken.

Willeit: „Arbeitgeber sollten nicht fixiert sein auf die klassische Stellenbeschreibung, sondern auf die individuellen Fähigkeiten der Menschen mit Behinderung."

Job gefunden: Jedes Mal eine Erfolgsmeldung

Die Lebenshilfe begleitete im vergangenen Jahr rund hundert Menschen mit verschiedenen Behinderungen auf ihrem Weg ins Berufsleben. Die Mitarbeiter des Projekts Jobchance, das vom Sozialministerium finanziert wird, helfen bei der Arbeitsplatzsuche, bei der Einarbeitung im Betrieb und der Stabilisierung am Arbeitsplatz. Eine fixe Aussicht auf eine reguläre Anstellung außerhalb einer Werkstatt ist damit aber nicht verbunden.

Als Kellner in einem Res­taurant, in der Küche eines Pflegeheims, in einem Möbelhaus, Café und Secondhandladen oder als Hilfe des Hausmeisters in einem Seniorenheim: Hat ein Lebenshilfe-Klient Arbeit gefunden, ist das immer noch Anlass für eine einzeln verkündete Erfolgsmeldung — ein Umstand, der viel über die mangelnde Bereitschaft aussagt, Menschen mit Beeinträchtigung einzustellen. Haben sie einen Job gefunden, werden sie dann häufig als große Bereicherung für den jeweiligen Betrieb empfunden.

Unternehmen wissen oft zu wenig über Qualifikationen und Fähigkeiten von Menschen mit Behinderungen oder Lernschwierigkeiten oder die rechtlichen und fördertechnischen Neuerungen Bescheid, heißt es dazu von Seiten der Lebens­hilfe. (ms)