Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 19.08.2018


Exklusiv

„Der Lehrling ist kein Wurstsemmel-Holer“

Bei den 15-Jährigen befindet sich Österreich in einem demografischen Tal. Das ist aber nicht der einzige Grund, warum – auch in Tirol – immer mehr Lehrlinge fehlen.

© iStockphotoDie Tiroler Lehrlingsstatistik 2017, die von der Wirtschaftskammer Tirol veröffentlicht wird, gibt einen guten Überblick über die Lage in Tirol. Mehr dazu in der Grafik im Artikel.



Von L. Pircher, A. Plank

Innsbruck — Schaut doch nicht so übel aus, ist man versucht zu sagen, wenn man die Bilanz des Tiroler Arbeitsmarktservices zur Lehrstellensituation betrachtet. Aktuell (Stichtag Ende Juli 2018) sind beim AMS Tirol 657 Mädchen und Burschen zur Lehrstellensuche registriert. Davon suchen aktuell 339 eine Lehrstelle und haben keine in Aussicht. „Rein rechnerisch übersteigt das Angebot an offenen Lehrstellen die Zahl der Suchenden bei Weitem", erklärt Statistikexperte Johannes Schranz. Ein genauer Blick zeige aber, dass die meisten Lehrstellen im Tourismus angeboten werden und die Nachfrage hier gering ist. Nur 16 von 339 potenziellen Lehrlingen möchten im Tourismus arbeiten.

Weiterhin seien die Wunschberufe sehr traditionell geprägt, zudem gebe es quasi „typische Mädchenberufe" und „typische Bubenberufe". „Es ist immer noch so, dass Mädchen eher Lehrstellen in Büro- und Schönheitsberufen und Buben eher im technischen Bereich suchen", so Schranz. Diese Erfahrung machen auch die Thöni Industriebetriebe (siehe Kasten).

Die Tiroler Lehrlingsstatistik 2017, die von der Wirtschaftskammer Tirol veröffentlicht wird, gibt einen guten Überblick über die Lage in Tirol.Foto: iStock
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Ein weiterer nicht unbeträchtlicher Part ist dem demografischen Wandel geschuldet. Die Zahl der 15-Jährigen ist für die Wirtschaft eine wichtige Kennzahl. Schwindet sie, werden auch die potenziellen Fachkräfte weniger. Heute gibt es in Österreich fast 10.000 weniger 15-Jährige als vor 20 Jahren. In Tirol: Von aktuell 751.140 Einwohnern sind 7448 Junge 15 Jahre alt (1 %). Im Jahr 1991 waren es laut Landesstatistik noch 8200 von 631.410 (1,3 %).

„Gleichzeitig steht den jungen Menschen ein großes Spektrum an Ausbildungsmöglichkeiten zur Verfügung", präzisiert Schranz. „Das Fehlen von jungen Menschen wird weiterhin eine der größten Herausforderungen speziell auch für den Lehrstellenmarkt darstellen." Sowohl die Lehre als auch die schulische Ausbildung müssten wesentlich attraktiver werden.

Das Problem liege vielfach bei den Eltern, sagt dazu Christoph Walser, künftiger Wirtschaftskammer-Präsident. Der Unternehmer und Bürgermeister von Thaur hat selbst eine Lehre absolviert und will sich künftig auch für Lehrberufe starkmachen: „Leider ist es in unserer Gesellschaft wirklich weit verbreitet zu sagen, dass nur jene, die eine weiterführende Schule nicht schaffen, für die Lehre gemacht sind. Von diesem Denken müssen wir wegkommen." Der Lehrling sei kein Wurstsemmel-Holer, sondern werde heute in Betrieben hochqualifiziert ausgebildet. Die Lehre sei auch keine Einbahnstraße: „Lebenslanges Lernen ist in Zukunft ein großes Thema, egal, ob Schule oder Lehre." Es werde kein einfacher Weg, aber er wolle künftig als Präsident noch mehr raus in die Schulen und mehr Anerkennung für die Lehre in die Gesellschaft bringen. Kinder sollen sich ihren Fähigkeiten entsprechend ihre Berufe aussuchen können: „Und da sind nicht alle glücklich, weil sie in einer Schule sitzen, viele arbeiten und denken lieber mit der Hand." Er erlebe das auch privat so, sagt Walser. Eines seiner vier Kinder beginne im Herbst eine Lehre, ein anderes besuche die HTL. Beides sei gleich viel wert.

Ferdinand Ruggenthaler, von der Hella-Personalabteilung, weist noch auf ein weiteres Problem hin. In für Lehrlinge und Eltern attraktiven Berufen wie IT und Metalltechnik sei es kein Problem, Lehrlinge zu finden. „In nicht so weit verbreiteten Berufen ist die Situation schwieriger, bei uns ist das z. B. der Bereich Sonnenschutztechnik. Einen Grund sehe ich darin, dass die Eltern die Kinder zu Ausbildungen in bekannten Berufen animieren." Insgesamt sei die Menge der Bewerbungen in den letzten Jahren eigentlich gut, aber das Bildungsniveau der Bewerber sinke fast jährlich ab, vor allem betreffend die Grundlagen. Für zentral hält der Osttiroler Personalmanager, dass die Politik Schritte betreffend Erreichbarkeit von Lehrstellen mit den Öffis auch in Gebieten außerhalb der Ballungsräume setzt. „Sonst wird sich das Einzugsgebiet, aus dem Firmen Lehrlinge ausbilden können, stark einschränken." Ruggenthaler benennt ein weiteres Problem: „Dadurch, dass jeder eine Matura machen will, auch die, die früher keine Chance gehabt hätten, wird im Bildungssystem nach unten nivelliert." Da sollte man sich an der Schweiz oder Deutschland ein Beispiel nehmen. In diesen Ländern hat die Lehre durch einen anderen Zugang ein höheres Ansehen als in Österreich.

IT-Experte Markus Reitshammer (Re-Systems).Foto: Rachlé
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