Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 27.10.2018


Arbeitsmarkt

Inklusion als Win-win-Situation

In Tirol wurden letztes Jahr 2000 Menschen mit Beeinträchtigung im beruflichen Zusammenhang individuell gefördert. Dass diese Integration Bereicherung und positive Veränderung mit sich bringt, zeigen drei Beispiele.

Luca ist Profi beim Archivieren von Patienteninformationen.

© MoserLuca ist Profi beim Archivieren von Patienteninformationen.



Von Marina Moser

Völs, Innsbruck, Zams – Alexande­r sitzt mit einer Virtual-Reality-Brille an einem großen Schreibtisch und konzentriert sich auf die Nachbearbeitung eines Films. Als Autist braucht er einen strukturierten Arbeitsalltag. „Dies schafft eine Win-win-Situation bei uns im Unternehmen. Der ganze Firmenbetrieb ist durch Alex’ Strukturbedürfnis organisierter geworden“, berichtet sein Chef Valentin Sysel, Geschäftsführer der Brennweit Medienproduktion in Innsbruck.

Reyhan bei ihrer Lieblingsbeschäftigung: Jäten mit Assistentin Ramona (r.).
Reyhan bei ihrer Lieblingsbeschäftigung: Jäten mit Assistentin Ramona (r.).
- Moser

Seine Qualifizierung erlangte Alexander über das Projekt „Job-Fit für Menschen im Autismusspektrum“ von Innovia, einer sozialen Einrichtung, die unterschiedliche Services zur Forcierung von Chancengleichheit anbietet. „Speziell Autisten haben oftmals Defizite, die auf den ersten Blick nicht als Behinderung erkannt werden. Deshalb ist deren Begleitung und Integration in den Arbeitsmarkt ein langer Prozess“, erklärt Christiane Zimmer, Leiterin des Innovia-Projektes.

Bei „Job-Fit für Menschen im Autismusspektrum“ wird mittels EDV-Kursen ein erster Zugang zu einer Berufsqualifizierung geschaffen. Danach folgt ein Praktikum, das im besten Fall wie bei Alexander in ein festes Angestelltenverhältnis mündet. Dass Innovia unkompliziert Unterstützung für Unternehmen bietet, hebt Sysel hervor: „Das geht vom Ausfüllen von Förderanträgen bis hin zum eigenen Betreuer Manuel, den Alex bei Bedarf trifft und mit dem auch ich in Kontakt bin.“ Und wenn es wie in Alexanders Fall ein Problem mit dem Büro-Arbeitsplatz gibt, wird gemeinsam eine Lösung erarbeitet. „Konkret wurden die Büromöbel so umgestellt, dass Alex sich wieder wohl fühlte“, erzählt Coach Manuel aus dem Alltag mit seinem Schützling.

Laut aktuellen Zahlen des Sozialministeriumservice (SMS) Tirol wurden vergangenes Jahr über 2000 Menschen mit Beeinträchtigung im beruflichen Zusammenhang individuell gefördert. Darüber hinaus wurden in speziellen Berufscoaching-Projekten des SMS mehr als 3700 Teilnehmer geschult – organisiert über das Netzwerk Berufliche Assistenz (NEBA).

Alexander arbeitet hochkonzentriert mit der VR-Brille.
Alexander arbeitet hochkonzentriert mit der VR-Brille.
- Moser

Ein gehörloser Mensch benötigt andere Maßnahmen am Arbeitsplatz als ein Blinder, um seine Aufgaben kompetent erledigen zu können. Wieder anders läuft die Arbeitsplatzorganisation bei einer Person mit mentaler Schwäche ab. Am Beispiel der gehörlosen Reyhan und der beiden Autisten Alexander und Luca zeigt sich, wie die Zusammenarbeit – teils durch spezielle Betreuung – in einem inklusiven Arbeitsumfeld funktionieren kann.

Seit 2006 ist die Biogärtnerei Seidemann in Völs Reyhan­s Arbeitsplatz. Die gehörlose Frau erledigt gemeinsam mit ihrer Arbeitsassistentin Ramona (bereitgestellt über das SMS) ihre Aufgaben im Betrieb. Dazu gehören Tätigkeiten wie Jäten oder das Umstellen von Blumentöpfen, das der Wachstumsförderung dient. Die Betreuung durch Ramona erfolgt an zwei Tagen pro Woche. Sie fungiert als Dolmetscherin mittels Gebärdensprache und ist auch für Organisatorisches, etwa Reyhans Öffi-Monatskarte, zuständig.

Erwin Seidemann beschäftigt derzeit drei Personen mit Behinderung: „Sie sind großartige Mitarbeiter und erledigen gern Aufgaben, die beispielsweise einen gesunden Lehrling nach kurzer Zeit unterfordern würden. In 800 winzige Töpfchen einen Samen zu drücken, ist nicht jedermanns Sache.“

20 Jahre habe er die Betreuung seiner inklusiven Mitarbeiter aus eigener Tasche bezahlt. Erst später übernahm das Land über das Sozialministeriumservice die Kosten.

Jobtrainings und Arbeitsbegleitung für junge Menschen mit körperlicher oder mentaler Schwäche bietet auch das Aufbauwerk, ein soziales Dienstleistungsunternehmen. So kam Luca zu seiner Stelle. Er ist ebenfalls Autist und in einem Pathologielabor in Zams beschäftigt. Ganz zu Beginn stand auch hier ein Praktikum, begleitet wurde er die ersten Tage von einem Betreuer des Aufbauwerkes. Schon bald war der hochmotivierte junge Mann voll in den Betrieb und das Team integriert. Er archiviert Objektträger mit Patientendaten und versieht jede einzelne Probe mit einer 13-stelligen Zahl, wobei kein Fehler unterlaufen darf. „Wenn doch einmal ein Zahlendreher passiert ist, Luca findet ihn sofort und alles hat wieder seine Richtigkeit“, erzählt Laborleiter Peter Obrist. Niemand werde gezwungen, mit Luca zusammenzuarbeiten, man könne sich auch aus dem Weg gehen. Aber: „Wo ein Wille, da ein Weg. Es hängt eben auch von den Mitarbeitern ab, wie gut ein Kollege mit einer Beeinträchtigung aufgenommen wird“, fügt Obrist hinzu, der direkt ins Schwärmen gerät über sein engagiertes Team.