Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 05.11.2018


Job

Frauen oft zu schüchtern für Wettkampf im Job

Das so genannte „Priming“, die Erhöhung des Machtbewusstseins, macht Frauen laut Forschungen der Uni Innsbruck selbstbewusster.

© iStockphotoFrauen zeigen im Beruf oft zu wenig Selbstbewusstsein, doch Machtbewusstsein lässt sich laut Forschungen auch erlernen.Foto: iStock



Innsbruck – Bis zu einer echten Gleichstellung von Frauen und Männern in Spitzenpositionen ist es noch ein weiter Weg, laut einer Deloitte-Studie gibt es aber eine positive Tendenz. 2017 kam es laut Auswertung bereits zu einem deutlichen Anstieg der Bewerbungen und auch der Anstellungen von Frauen in Top-Jobs. Es gebe keinen Mangel an qualifizierten Frauen, zeigt die Analyse von 10.000 Bewerbungen bei Deloitte für Führungspositionen in den Jahren 2015–2017. Immerhin gab es 200 Besetzungen, und 28 Prozent aller Führungspositionen beziehungsweise 20 Prozent der Vorstandspositionen seien mit Frauen besetzt worden.

Die Statistiken sprechen allerdings eine noch deutlichere Sprache. Eurostat veröffentlichte 2016 Zahlen, wonach es fünf Millionen Menschen mit Universitätsabschluss in der EU gebe, davon 58 Prozent Frauen und 42 Prozent Männer. Der Zahlenlogik zufolge müssten also mehr Frauen in Chefpositionen sein als Männer. Die Logik der Zahlen stimmt aber nicht, denn: Frauen und Männer verhalten sich in Wettbewerbssituationen meist unterschiedlich. Denn während Männer sich eher dem Konkurrenzkampf aussetzen, versuchen Frauen, diesen eher zu vermeiden. Und das hat – so die Forscher – Auswirkungen auf die Arbeitswelt, in der Männer häufig noch immer höhere Löhne beziehen und bessere Positionen besetzen.

Ökonomin Helena Fornwagner im TT-Interview

Was könnte nun helfen, dies zu ändern? Frauen – und auch Männer – müssten gleichermaßen mit einem Machtgefühl ausgestattet werden. Loukas Balafoutas und Helena Fornwagner vom Institut für Finanzwissenschaft der Universität Innsbruck und Matthias Sutter, Executive Director des Max-Planck-Instituts in Bonn, präsentierten ein im Grunde einfacheres Instrument, um Unterschiede in der Wettbewerbsfähigkeit von Männern und Frauen anzugleichen.

Dabei handelt es sich um das so genannte „Priming“, ein Konzept aus der Psychologie. Unter „Priming“ versteht man die unbewusste Beeinflussung von Denken oder Handeln, indem Personen auf ein bestimmtes Reiz-Reaktions-Schema vorbereitet werden. In einem ökonomischen Experiment wurde damit nachgewiesen, dass Personen, denen durch „Power-Priming“ ein verstärktes Machtgefühl vermittelt wurde, ihr Wettbewerbsverhalten ändern: „Die Wettbewerbsbereitschaft sinkt unter Männern und steigt unter Frauen“, erklärt Studienautorin Helena Fornwagner: „Das führt auch dazu, dass beide Geschlechter qualitativ bessere Entscheidungen treffen.“ Zudem sei bei männlichen Teilnehmern die Risikotoleranz gesunken, bei Frauen ist sie gleich geblieben. „Diese Ergebnisse helfen uns, zu erklären, warum sich geschlechterspezifische Unterschiede in der Wettbewerbsfähigkeit in Situationen des Power-Primings verringern“, sagt Loukas Balafoutas.

Balafoutas, Fornwagner und Sutter haben in ihrem Experiment erstmals ein neues Forschungsdesign angewandt, in dem „Priming“ mit einem ökonomischen Experiment zur Wettbewerbsfähigkeit kombiniert wurde. Die Ergebnisse bestätigen, dass Power-Priming das Geschlechtergefälle im Wettbewerb signifikant beeinflusst und es praktisch beseitigt.

Auf Power-Priming basierte Instrumente wären unter anderem im Bildungssystem oder in Ausbildungsprogrammen im Rahmen einer aktiven Arbeitsmarktpolitik anwendbar. Damit könnte Power-Priming zu einer ausgewogeneren Vertretung von Frauen in Führungspositionen beitragen, in denen der Wettbewerb um attraktive Arbeitsplätze ein Muss ist. (ver)