Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 08.08.2019


Tirol

48.278 Mal beim AMS in Tirol zwischengeparkt

Tirol ist bei der Saisonarbeit österreichweiter Spitzenreiter. Nirgendwo sonst werden so viele Mitarbeiter beim AMS zwischengeparkt. Jeder zweite Arbeitslose wird nicht vermittelt, weil er eine Jobzusage hat.

Am Bau sind im Jänner die meisten Arbeitslosen gemeldet, 82 Prozent davon haben eine Einstellungszusage.

© iStockAm Bau sind im Jänner die meisten Arbeitslosen gemeldet, 82 Prozent davon haben eine Einstellungszusage.



Von Anita Heubacher

Innsbruck – Im November wird die Zahl der Arbeitslosen in der Gastronomie und Hotellerie signifikant steigen und sich im Dezember drastisch reduzieren. Der Tourismus ist in Tirol stark saisonabhängig. 10.824 Fälle hat das Arbeitsmarktservice Tirol, kurz AMS, letztes Jahr im November registriert. Der Höchststand an Arbeitslosen in der Hotellerie und Gastronomie.

83 Prozent dieser als arbeitslos Vorgemerkten wird das AMS gar nicht vermitteln. Die arbeitslosen Kellner und Köche haben eine Einstellungszusage in der Tasche und machen vorerst einmal blau. Freiwillig oder unfreiwillig. Bis zu drei Monate toleriert das AMS dieses „Zwischenparken“ und gesteht die Arbeitslose zu, dann wird vermittelt. „In den Saisonen gilt ein Parkverbot, weil es viel zu viele offene Stellen gibt“, erklärt AMS-Chef Anton Kern. Tirol ist die Hochburg der Saisonarbeit im Österreichvergleich. Zum Tourismus kommt das Baugewerbe dazu. Dadurch erklärt sich auch, warum in Tirol der Anteil derjenigen, die das ganze Jahr Vollzeit arbeiten, mit 46 Prozent sehr niedrig ist. Selbst wenn man statistische Ausreißer beseitigt, steigt die Anzahl der ganzjährig Vollbeschäftigten laut AMS maximal auf die Hälfte. Diese Hälfte der Arbeitnehmer stemmt aber das Gros der Steuerlast und erwirtschaftet 73 Prozent aller Bruttoeinkommen.

Das Phänomen, dass sich Arbeitnehmer und Arbeitgeber über die maue Zeit am Bau oder im Tourismus drüberretten, beschäftigt Tirol seit Langem. „Es ist aufgrund des Drucks der Sozialpartnerschaft und der ausgezeichneten Konjunktur gelungen, die Verweildauer in der Arbeitslosen zu verkürzen“, sagt Kern. „Das ganz abstellen zu können, gleicht einem Märchen.“

In der Hotellerie und Gastronomie sind im November die meisten arbeitslos, 83 Prozent mit Jobgarantie.
In der Hotellerie und Gastronomie sind im November die meisten arbeitslos, 83 Prozent mit Jobgarantie.
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Im Schnitt sind Kellner und Rezeptionist 58 Tage arbeitslos gemeldet. Die mit Einstellungszusage nur 47 Tage, die ohne 81. Obwohl gerade in der Gastronomie und Hotellerie Personal fehlt und es viele offene Stellen gibt. Bauarbeiter bleiben 67 Tage in der Arbeitslosen, die mit Einstellungszusage 51 Tage, die ohne 95.

Wer glaubt, Bau und Tourismus würden das Kraut nicht fett machen, den belehrt der Blick auf die Zahl der gesamten Arbeitslosen eines Besseren. 92.909 Fälle wurden letztes Jahr beim AMS registriert. Aus allen Branchen. Von diesen rund 93.000 Fällen lag in rund 48.000 eine Einstellungszusage auf dem Tisch. Also wird in mehr als der Hälfte der Fälle innerhalb von drei Monaten gar nicht vermittelt. Jeder zweite Arbeitslose kassiert Arbeitslosengeld, ohne Gefahr zu laufen, sehr oft vom AMS behelligt zu werden. „Wir prüfen sehr genau, ob die Jobzusagen halten. Das sehen wir aus den Unterlagen“, erklärt Kern. Die Zahl der schwarzen Schafe schätzt der AMS-Chef auf „eine Handvoll“ ein.

Nachteile sieht Kern für die Arbeitnehmer. Durch die Arbeitslose seien sie schlechter pensionsversichert. „Je mehr durchgearbeitet wird, desto besser ist es. Solange die Saisonen in Tirol so stark ausgeprägt sind, wird das mit dem Zwischenparken so bleiben.“

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Einer, der es ohne Zwischenparken nach eigenen Angaben wirtschaftlich nicht schaffen könnte, ist Mario Gerber. „Ich habe einen reinen Winterbetrieb. Wenn ich 150 Mitarbeiter angemeldet lasse, kann ich Konkurs anmelden.“ Die Lohnkosten würden die Betriebe „ersticken“. Gerber ist Hotelier, ÖVP-Landtagsabgeordneter und Hotelierssprecher in der Wirtschaftskammer. Die Branche sei bemüht, Ganzjahresbetriebe zu schaffen, „aber erklären Sie mir einmal, was ein Gast im Mai in meinem Hotel auf 2000 Metern machen soll“. Kein Geschäft, keine Arbeit. Gerber gibt seinen Mitarbeitern nicht nur eine Jobgarantie mit, sondern vermittelt sie auch im Sommer an ein Partner-Hotel in Kärnten.

Er verlangt, dass die Einstellungszusagen verbindlich sein müssten. Sowohl auf Arbeitnehmer- als auch auf Arbeitgeberseite. „Da wird viel Schabernack getrieben“, meint er. Er sei zwar kein Freund von Sanktionen, aber ohne werde es nicht gehen. Wer also die Zusage bricht, den Job nicht zur Verfügung stellt oder ihn nicht antritt, müsse eine Strafe zahlen.

Eine Art Bestrafung, naturgemäß nur für die Arbeitgeber, schwebt auch der Arbeiterkammer vor. Präsident Erwin Zangerl, ÖVP, fordert, dass Unternehmen, die Einstellungszusagen machen, zu höheren Beitragszahlungen verdonnert werden. „Die Profiteure dieser Praxis sind die Unternehmer, weil sie die Personalkosten auf die Allgemeinheit abwälzen.“ 500 Millionen Euro, exklusive der Sozialversicherungsbeiträge, würden der Allgemeinheit an Zusatzkosten entstehen. Die Gleichung „kein Geschäft, keine Jobs“ lässt Zangerl nicht gelten. „Die Südtiroler machen es besser. Die haben sich stärker hin zu einem Ganzjahrestourismus entwickelt.“ Es gebe Bemühungen seitens der Unternehmer, räumt auch Zangerl ein, unterm Strich aber zu wenige. „Es ist einfach bequem, Personal zwischenzuparken.“

Dass diese Praxis bei Tourismus und Bau bis zu einem gewissen Grad akzeptiert wird, färbt laut Zangerl auch auf andere Branchen wie den Handel ab. „Da gibt es die Vorstellung, wenn eine Filiale umgebaut werden muss, die Verkäuferinnen beim AMS anzumelden, um Personalkosten zu sparen.“ Der AK-Chef warnt seine Schäfchen vor. „Am Arbeitsende zahlt der Arbeitnehmer die Zeche, weil die Pension zu niedrig ist. Dann ist es aber zu spät.“

Beim AMS nachgefragt, bestätigt Anton Kern, dass es Vorstöße seitens des Handels gegeben habe, Mitarbeiter zwischenzuparken. „Wir haben das abgeschmettert.“