Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 01.09.2019


Tirol

Lehre in Tiroler Firmen: Wo „dem Madl“ alle Türen offen stehen

Lehrlinge verzweifelt gesucht: Prophezeiungen einer „schlimmen“ Zukunft ohne Fachkräfte und die Frage: Was taugen Image-Aktionen?

In vielen Unternehmen wird händeringend nach jungen Leuten gesucht, die ihre Zukunft nicht in einem akademischen Titel sehen

© iStockIn vielen Unternehmen wird händeringend nach jungen Leuten gesucht, die ihre Zukunft nicht in einem akademischen Titel sehen



Von Michaela S. Paulmichl

Innsbruck – „Mei Madl – mei Bua“: Die Erfolgsgeschichte-Kampagne der Wirtschaftskammer (WK) Tirol spricht gezielt Eltern und Großeltern an. Da präsentieren Mütter, Väter und Großväter stolz ihren Nachwuchs, der sich bewusst für eine Lehre entschieden hat. Wie der Opa von Elisa, Seilbahntechnikerin: „Ich würde mir wünschen, dass sie einmal Führungskraft wird – die Kompetenzen dazu hätte sie allemal“, traut er ihr eine steile Karriere zu. Laut WK-Sprecher Peter Sidon ist das Feedback auf die Kampagne so positiv, dass bereits an einer Fortsetzung für Herbst gearbeitet werde. „Wenn Jugendliche eine Entscheidung treffen, spielt es eine große Rolle, was die Freunde tun. Aber auch, was die Eltern und Großeltern sagen und was in der Familie gemeinsam besprochen wird.“ In diesem Fall: dass das Heil nicht allein in der höheren Schule zu suchen sei.

Dass die Image-Aktion gleich eine Verbesserung der Situation bringen würde, davon ist aber niemand ausgegangen. Sidon: „Überzeugungsarbeit kann über Jahre gehen. Und diese Kampagne ist nur einer von mehreren Bausteinen.“ Mit Ende Juli kamen in Tirol 622 Lehrstellensuchende auf 1838 Lehrstellen. „In jedem Fall werden wieder sehr viele Lehrbetriebe nicht ausreichend viele oder gar keine Lehrlinge in Ausbildung nehmen können“, sagt Johannes Huber, Leiter der Bildungsabteilung der Wirtschaftskammer.

„Ob wir, wie in den letzten zwei Jahren, wieder einen Zuwachs an Lehrlingen haben werden, lässt sich noch nicht seriös abschätzen.“ Die Anzahl der Lehrlinge habe sich aber zuletzt stabilisiert. Jedenfalls werden sich jene Branchen, die einen sehr hohen Bedarf an Fachkräften und Lehrlingen haben, auch heuer wieder schwertun, ausreichend viele und geeignete Interessenten zu finden. Dazu gehören Tourismus, Hande­l, Metall- und Elektrogewerbe, Bau- und Bauhilfsgewerbe, aber auch kleinere Sparten wie das Lebensmittelgewerbe.

Laut Sabine Platzer-Werlberger, AMS-Vize-Chefin in Tirol, hat sich bei den Anmeldungen viel auf den Herbst verlagert. Beim Arbeitsmarktservice sind derzeit 735 Lehrstellensuchende gemeldet, im Juli 2018 waren es 657, 11,9 Prozent weniger. „Die gute Nachricht: Für Jugendliche, die bis dato noch nicht das Richtige gefunden haben, sind die Chancen, eine Lehrstelle zu bekommen, nach wie vor super.“ Das Problem dabei: Viele wählen nach wie vor traditionelle Berufe, also nicht unbedingt jene, in denen oft händeringend nach künftigen Fachkräften gesucht wird.

„Wo der Hut jetzt wirklich brennt, sieht man am eklatanten Mangel an Fachleistungen, die wir gewohnt waren ganz selbstverständlich abzurufen“, sagt WK-Bildungsabteilungsleiter Huber. Diese Selbstverständlichkeit sei nicht mehr gegeben. „Und es wird schlimmer werden“, prophezeit er. „Das kann man dann am eigenen Leib verspüren, wenn die Heizung den Geist aufgibt, das Dach undicht wird, kein Wasser fließt oder das Licht ausgeht.“

Er ärgert sich, dass „Herrn und Frau Österreicher jahrzehntelang eingetrichtert wurde, dass das Heil ihrer Kinder nur in einer vermeintlich höheren Ausbildung zu finden ist. Mindestens Matura, besser noch ein akademischer Titel, dann stehen für den Spross alle Türen offen. Diese Rechnung ist nicht aufgegangen. Im Gegenteil.“ Der jährlich kommunizierte Akademikermangel sei nur in technischen Teilbereichen zu spüren. Größtenteils bestehe ein Überangebot an Absolventen – mit für diese meist nachteiligen Folgen.