Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 28.09.2019


Arbeitsmarkt

Die Macht der Arbeiter: Was der Betriebsrat kann

Für einzelne Arbeitnehmer ist es oft schwierig, sich gegen Entscheidungen aus der Chefetage zu wehren.

Dafür gibt es den Betriebsrat, der die Interessen der Belegschaft gegenüber dem Dienstgeber vertritt.

Der Belegschaft eine Stimme geben: Der Betriebsrat vertritt die Interessen der Mitarbeiter gegenüber dem Chef.

© iStockphotoDer Belegschaft eine Stimme geben: Der Betriebsrat vertritt die Interessen der Mitarbeiter gegenüber dem Chef.



Von Natascha Mair

Innsbruck – „Es ist wichtig, einen Betriebsrat zu haben. Gefühlt schafft schon die bloße Existenz eines Gremiums, das für die Rechte der Arbeitnehmer eintritt, ein besseres Arbeitsklima und mehr Bewusstsein für die eigenen Rechte“, sagt Anna Breitenlechner, die vor etwa einem Jahr zur Betriebsrätin gewählt wurde. Der Betriebsrat soll die sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Interessen der ArbeitnehmerInnenschaft vertreten, so der Gesetzestext. In der Praxis sei der Betriebsrat mit einem Klassensprecher vergleichbar, der zwischen Geschäftsführung und Belegschaft vermitteln soll, wie es David Schumacher, stellvertretender Geschäftsführer der Tiroler Gewerkschaft der Privatangestellten, Druck, Journalismus, Papier (GPA-djp), formuliert. Anders als ihre Arbeitskollegen, die aufgrund der Abhängigkeit vom Dienstgeber oft davor zurückschrecken, heikle Themen anzusprechen, brauchen Betriebsräte keine Scheu davor zu haben. Sie stehen per Gesetz unter Kündigungsschutz. Der Betriebsrat soll aber nicht nur ein offenes Ohr für die Arbeitnehmerschaft haben. „Umgekehrt ist er im Idealfall auch für die Geschäftsführung erster Ansprechpartner, wenn es Themen gibt, die die Belegschaft betreffen“, erklärt Schumacher.

„Ich hatte großen Respekt vor der Verantwortung“, erinnert sich Breitenlechner. Hilfe fand die Neo-Arbeitnehmervertreterin bei der Gewerkschaft, die Fragen beantwortet und ein breites Repertoire an Fortbildungen zur Verfügung stellt. „Das nahm mir die Angst. Ich wusste anfangs ja gar nicht genau, was ein Betriebsrat macht“, schildert Breitenlechner ihre Anfangszeit in der neuen Funktion. Inzwischen hat die 30-Jährige zwei Basisseminare für Betriebsräte hinter sich. Außerdem nimmt sie regelmäßig an einem Stammtisch teil, im Rahmen dessen sich die Betriebsräte aus dem Tiroler Sozialbereich austauschen und gegenseitig unterstützen. Zu guter Letzt besucht sie nun auch noch die Gewerkschaftsschule des ÖGB. „Man bekommt eine tolle Ausbildung, sodass man bestens dafür gerüstet ist, die Interessen der Arbeiter gegenüber dem Chef zu vertreten“, betont Breitenlechner. Sie sei froh, den Posten übernommen zu haben. Nicht nur, dass sie nun aufgrund der Mitwirkungs- und Einsichtsrechte des Betriebsrates immer über die Entwicklungen im Betrieb informiert sei, sie habe nun auch verstärkt das Bewusstsein, dass man als Arbeitnehmer nicht alles hinnehmen müsse, und wolle dies ebenso ihren Kollegen vermitteln.

Das österreichische Arbeitsrecht besagt, dass ab fünf Arbeitnehmern ein Betriebsrat zu wählen ist. Sprich, der Chef kann die Gründung eines solchen nicht unterbinden, erklärt Schumacher. Bei der Durchführung der Wahl, die anonym abläuft, helfen die zuständige Gewerkschaft und die Arbeiterkammer. Das war nicht immer so: Unter der Herrschaft der Nationalsozialisten wurde die betriebliche Mitbestimmung zerschlagen, indem die Betriebsräte von oben bestimmt wurden und so faktisch nicht mehr existierten. Auch heute noch kennt man das Problem der so genannten „gelben Betriebsräte“, die dem Chef näher stehen als der Arbeiterschaft. „Selbst wenn ein Betriebsrat ursprünglich vom Chef gefragt wurde, zeigt uns die Erfahrung, dass da bald ein Umdenken stattfindet“, schwächt Schumacher die Problematik ab. Ansonsten könne man die Person durch die anonyme Wahl wieder ihres Amtes entheben, fügt der Gewerkschafter hinzu.

Generell seien die Mitarbeiter in Betrieben mit Betriebsrat motivierter, ist Patrik Tirof, freigestellter Betriebsrat in einem großen Metallverarbeitungsbetrieb, überzeugt. Weil in solchen Betrieben vieles für sie besser laufe. Außerdem wüssten sie, dass sie im Fall sachkundige Fürsprecher haben, meint er. „Wir haben zum Beispiel eine eigene Betriebsvereinbarung durchsetzen können, die für über 1200 Mitarbeiter die Arbeitszeiten regelt“, erzählt Tirof. In Betrieben ohne Vereinbarung sei alles einzelvertraglich zu regeln, sprich, die einzelnen Mitarbeiter hätten maximale Flexibilität im Vertrag stehen und fielen um Zuschläge um. Für die Verhandlungen mit der Chefetage sei Vertrauen auf beiden Seiten unerlässlich, meint der Betriebsrat. Zwar würde auch mal emotional diskutiert, jedoch immer mit Respekt. Leider gebe es auch Firmen, wo das Ganze nicht so gut funktioniere. „Es kommt vor, dass der Betriebsrat erpresst wird und es heißt, wenn diese Forderung so kommt, dann wird es zu Entlassungen kommen“, erzählt Tirof. Mit dem psychischen Druck müsse man umzugehen lernen, wobei wieder die Gewerkschaft sehr helfe, indem sie neben Beratungen Kurse für Stressmanagement und Verhandlungstechniken anbiete.

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„Es ist hart, wenn man wirklich der Konterpart zur Geschäftsführung ist und nur über Konflikte was erreichen kann. Wenn man jeden Vertrag und jede Betriebsvereinbarung erkämpfen muss und daneben nicht freigestellt ist, sondern ganz normal im Betrieb arbeitet. Das sind die wirklichen Helden“, schließt Tirof.