Letztes Update am Di, 28.07.2015 14:40

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Aktienmärkte

Börsenkrise in China: „Schlag ins Gesicht der Regierung“

Nie zuvor hat Chinas Regierung den Aktienmärkten so energisch unter die Arme gegriffen. Ohne Erfolg. Das Börsendebakel ist ein Symptom für Chinas Probleme - unter denen auch ausländische Unternehmen leiden.



Peking - Die Börsenturbulenzen in China enthüllen einen massiven Verlust an Vertrauen - in seine Aktienmärkte, die Macht der Partei und das Wachstum der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt. „Es ist die größte Krise für Staats- und Parteichef Xi Jinping seit seinem Machtantritt 2012“, sagt der bekannte China-Kenner Willy Lam.

„Schlag ins Gesicht für die Regierung“

Zwar habe China keine freies parlamentarisches System, aber „eine Art Aktienmarkt-Demokratie“: „Über die Börsen demonstrieren Anleger ihren Ärger über die Partei und den Verlust des Vertrauens in deren Wirtschaftspolitik, die nur große Unternehmen mit guten Beziehungen zu mächtigen Familienclans bevorzugt“, sagt der Professor der Chinesischen Universität von Hongkong (CUHK)

Der neue Kursrutsch macht die dreiwöchige Stabilisierung der Märkte wieder zunichte. Er demonstriert, dass staatliche Interventionen langfristig unwirksam sind. Experten sprechen von einem „Schlag ins Gesicht für die Regierung“, die umgerechnet hunderte Milliarden Euro in den Markt gepumpt hatte. „Die Katastrophe ist wieder da“, twitterte die eher zurückhaltende amtliche Nachrichtenagentur Xinhua.

„Was 150 Prozent nach oben geht, kommt irgendwann runter“, sagt der Präsident der EU-Handelskammer in China, Jörg Wuttke. „Es stimmt nachdenklich, wie einige Behörden den Boom unterstützt haben und nun mit fragwürdigen Maßnahmen den Markt aushebeln. Mit viel Geld stemmen sie sich gegen die Schwerkraft“, sagt Wuttke. „Aber am Ende wird Newtons Gravitationsgesetz obsiegen.“

Der stärkste Tagesverlust seit acht Jahren am Montag wurde ausgelöst durch Angst vor einem Ende der staatlichen Hilfen, durch Druck auf kreditfinanzierte Aktienkäufe und schlechte Konjunkturnachrichten. So waren die Profite in der Industrie im Juni gefallen. Auch ist die Stimmung in den Chefetagen chinesischer Unternehmen so schlecht wie seit 15 Monaten nicht mehr.

Aussichten haben sich „verdüstert“

Überhaupt haben sich die Aussichten „verdüstert“, wie selbst das Statistikamt einräumt. Der Außenhandel des Exportweltmeisters fiel im ersten Halbjahr um 6,9 Prozent im Vorjahresvergleich. Der Rückgang allein der Importe um 15,5 Prozent demonstriert die schwache heimische Nachfrage, die das Wachstum auch nicht ankurbeln kann.

Darunter leiden nicht nur deutsche Exporteure, sondern auch in China tätige Unternehmen wie große deutsche Autobauer. Absatz und Produktion von Autos auf dem weltgrößten Fahrzeugmarkt waren im Juni rückläufig. „Ungewöhnlich“, kommentiert der Spitzenmanager eines deutschen Konzerns die Trendwende nach vielen Boomjahren. Die Vorhersage für das Wachstum auf dem Automarkt in diesem Jahr musste von sieben auf drei Prozent mehr als halbiert werden.

Zwar verkündet die Regierung demonstrativ sieben Prozent Wirtschaftswachstum im zweiten Quartal, um den Nachweis zu erbringen, dass es der Wirtschaft doch gar nicht so schlecht geht. Aber den offiziellen Statistiken glaubt keiner mehr so recht. Viele Fachleute sprechen eher von sechs, fünf Prozent oder noch weniger Wachstum. Schon ist von „harter Landung“ die Rede.

Die Staatskasse ist für weitere Stützungskäufe von Aktien zwar noch gefüllt. Aber die vielen Privatanleger, die nach Schätzungen von Experten im Schnitt jeder 400.000 Yuan (58.191 Euro) verloren haben, müssen ihr Geld abschreiben.

„Die Party ist vorbei“

Schon der erste Einbruch an den Börsen von Mitte Juni bis Anfang Juli sei ein „Warnsignal“ gewesen, sagt David Madden vom britischen Wertpapierhaus IG. „Es ist ein Zeichen, dass die Party vorbei ist“, sagt der Analyst. Die Mittelklasse werde jetzt „ausgequetscht“. „Finanziell ist die Lage nicht stabil.“

Die Manipulation der Börsen, an denen der Staat zur treibenden Kraft geworden ist, weckt auch Zweifel, wie ernst es der Regierung überhaupt mit ihren Wirtschaftsreformen ist. Eigentlich wollten sie dem Markt eine „entscheidende Rolle“ einräumen, aber Experten fürchten einen Rückfall in alte planwirtschaftliche Zeiten.

„Wachstum wird durch endlose bürokratische Interventionen kompromittiert“, warnt Burton Malkiel, Investmentchef von Wealthfront, im „Wall Street Journal“. Wirtschaftliche Transformation könne nur durch Freiheit für Kapitalmärkte, nicht durch ihre Manipulation erreicht werden.

Doch davon will die Führung nichts hören. Bei ihren sommerlichen Beratungen im Badeort Beidaihe gut drei Autostunden von Peking wird sie den Wirtschaftskurs festzurren. „Wenn ein Markt schlecht funktioniert, sollte die Regierung nicht zulassen, dass sich die Stimmung noch verschlechtert“, verteidigte das kommunistische Parteiorgan „Volkszeitung“ die Eingriffe. „Sie sollte energische Maßnahmen ergreifen, um das Vertrauen am Markt wiederherzustellen.“ (APA/dpa)