Letztes Update am Do, 08.02.2018 13:26

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Chronologie der Krise

Februar und März 2008: Vor zehn Jahren erreichte die Krise die USA

In den USA erreicht die Finanzkrise im März 2008 mit der Pleite der Investmentbank Bear Stearns einen ersten Höhepunkt. Eine Chronologie der Ereignisse.

© REUTERSDie Subprime-Krise weitete sich 2008 in der Folge zu einer globalen Finanz-, Wirtschafts- und Politikkrise aus.



Wien – Vor zehn Jahren brach in den USA ausgehend vom Immobilienmarkt eine Krise um zweitklassige Hypothekendarlehen aus. Hypothekenbanken konnten Milliarden nicht mehr an ihre Gläubiger zurückzahlen. Diese Subprime-Krise weitete sich in der Folge zu einer globalen Finanz-, Wirtschafts- und Politikkrise aus, deren Höhepunkt die Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers im September 2008 markierte.

Im Februar 2008 mehren sich Berichte über milliardenschwere Abschreibungen von Großbanken. Die Finanzkrise weitet sich bis nach China und Japan aus und die Börsen verzeichnen den schwächsten Jahresauftakt seit 1965.

Die USA reagieren mit ersten Gegenmaßnahmen. Europa schwankt noch zwischen Zweckoptimismus, Beschwichtigungen und ersten Rufen nach einem Eingreifen von Politik und Zentralbanken. Die Konjunkturaussichten für 2008 trüben sich immer stärker ein, Wachstumsprognosen werden zurückgenommen. „Die Party ist vorbei“, urteilt das deutsche ifo-Institut.

Erster Höhepunkt Mitte März 2008

Mitte März kommt es zum ersten Höhepunkt der Krise: Die fünftgrößte US-Investmentbank Bear Stearns hat massive Liquiditätsprobleme und muss gerettet werden. Notenbanken starten erste „Notoperationen“. Ex-Fed-Chef Alan Greenspan spricht von der schwersten Finanzkrise seit dem Zweiten Weltkrieg, Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz von der schlimmsten Krise seit der Großen Depression der 1930er-Jahre. Die USA planen eine umfassende Reform der Finanzmarktaufsicht. Die Zeche zahlen werden laut Ex-Finanzminister Ferdinand Lacina die Steuerzahler und Sparer.

Der folgende siebente Teil einer Chronologie wichtiger Ereignisse von vor zehn Jahren betrachtet die Monate Februar und März 2008. Bisherige Chronologien und Hintergründe am 3. März, 13. April, 2. Juni, 28. Juli, 23. November und 3. Dezember 2017 behandelten den Zeitraum von Jahresbeginn 2006 bis Jänner 2008.

Ein Trader beobachtet die Märkte (Symbolfoto).
- REUTERS

Chronologie der Krise

1. Februar 2008: Der weltgrößte Anleiheversicherer MBIA rutscht nach massiven Abschreibungen in die Verlustzone.

3. Februar: Die US-Staatsanwaltschaft ermittelt gegen die Schweizer Großbank UBS wegen ihrer Geschäfte am US-Hypothekenmarkt. Die Bank soll Investoren gegenüber zu hohe Bewertungen für Derivate angegeben haben.

4. Februar: Europa wird im Strudel der US-Immobilienkrise laut Eurogruppen-Präsident Jean-Claude Juncker nicht in die Rezession abrutschen.

Die Finanzkrise erreicht China. Das größte Geldhaus der Volksrepublik, die Industrial and Commercial Bank of China (ICBC), muss 360 Mio. US-Dollar (derzeit: 289 Mio. Euro) für Ausfälle bereitstellen.

5. Februar: US-Banken verschärfen die Regeln für die Kreditvergabe. Die Ratingagentur S&P rechnet mit Herabstufungen bei Banken. Der deutsche Aktienindex DAX verzeichnet den schwächsten Jahresauftakt seit 1965. Das Börsenbarometer ist bis Ende Jänner 2008 um 15 Prozent gefallen und hat damit die gesamten Gewinne seit März 2007 abgegeben.

Auch im Februar 2018 - zehn Jahre nach dem großen Finanzcrash - stockte vielen Anlegern angesichts fallender Kurse der Atem.
- AFP

7. Februar: Die Europäische Zentralbank (EZB) lässt trotz der anhaltenden Finanzmarktkrise und Sorgen um eine Abschwächung der Konjunktur den Leitzins unverändert bei 4,0 Prozent.

8. Februar: Das US-Repräsentantenhaus billigt ein 150 Mrd. US-Dollar schweres Konjunkturprogramm. Die angeschlagene WestLB streicht in einem ersten Schritt 1300 Arbeitsplätze. US-Ermittler untersuchen Banken wegen Verstöße bei der Vergabe von Baufinanzierungen an Kunden mit schlechter Bonität. Die deutsche Mittelstandsbank IKB braucht neue Milliardenhilfen. An einem dritten Rettungspaket wird gearbeitet.

9. Februar: Die sieben führenden Industriestaaten (G-7) rechnen mit einem Abschreibungsbedarf von rund 400 Mrd. Dollar bei den Banken weltweit.

12. Februar: Österreichs Finanzminister Wilhelm Molterer (V) sieht heimische Banken von der US-Hypothekenkrise kaum berührt. Der Grund dafür sei das starke Engagement der heimischen Finanzinstitute in den neuen EU-Mitgliedstaaten. Die US-Regierung und führende US-Banken weiten ihre konzertierte Rettungsaktion für Hausbesitzer in Finanznöten massiv aus.

13. Februar: Die deutsche Regierung und die Staatsbank KfW wollen mit einem neuen Rettungspaket einen Zusammenbruch der Mittelstandsbank IKB verhindern. Europa wird nach Ansicht des Internationalen Währungsfonds (IWF) die Folgen der Finanzkrise noch stärker als bisher zu spüren bekommen. Die US-Hypothekenkrise belastet die BayernLB, Mehrheitseigentümerin der Kärntner Bank Hypo Alpe Adria, mit 1,9 Mrd. Euro.

Die Frankfurter Börse (Symbolfoto).
- REUTERS

14. Februar: Die französische Investmentbank Natixis schreibt mehr als eine Milliarde Euro ab.

15. Februar: Die Finanzkrise ist nach Einschätzung des deutschen Finanzministers Peer Steinbrück noch nicht bewältigt.

17. Februar: Die angeschlagene britische Bank Northern Rock soll durch eine vorübergehende Verstaatlichung vor dem Zusammenbruch gerettet werden.

18. Februar: Das Wirtschaftswachstum in der Eurozone könnte nach Einschätzung des EZB-Ratsmitglieds Christian Noyer schwächer als erwartet ausfallen. Zuletzt wurde ein Wachstum von etwa zwei Prozent für 2008 vorhergesagt.

19. Februar: Das britische Bankhaus Barclays hat 2007 einen Verlust von 1,6 Mrd. Pfund (derzeit: 1,8 Mrd. Euro) geschrieben.

Die Schweizer Großbank Credit Suisse muss 2,85 Mrd. US-Dollar abschreiben.

20. Februar: Die französische Großbank BNP Paribas schreibt 1,2 Mrd. Euro ab. EZB-Ratsmitglied Nicholas Garganas sieht für die europäische Konjunktur für 2008 deutliche Abwärtsrisiken. Laut deutschem ifo-Institut hat sich das Weltwirtschaftsklima kräftig eingetrübt. Das ifo-Stimmungsbarometer fällt auf den niedrigsten Stand seit fast fünf Jahren.

21. Februar: Die US-Notenbank senkt ihre Wachstumsprognose für 2008 erneut deutlich von 1,8 bis 2,5 Prozent auf 1,3 bis 2,0 Prozent. Die EU reduziert ihre Wachstumsprognose für die Eurozone für 2008 um 0,4 Punkte auf 1,8 Prozent.

25. Februar: Goldman Sachs erwartet weitere Milliarden-Abschreibungen in der US-Finanzbranche.

Als Lehre aus der Finanzkrise setzt die EU Ratingagenturen unter Druck.

27. Februar: Der Euro durchbricht erstmals die Marke von 1,50 US-Dollar nach oben und markiert damit ein neues Allzeithoch.

28. Februar: Bei der genossenschaftlichen deutschen DZ Bank halbiert sich das Jahresergebnis 2007 auf 897 Mio. Euro. Insgesamt schreibt die Bank 1,36 Mrd. Euro auf ihre Wertpapierportfolios ab.

3. März 2008: US-amerikanischen Wirtschaftswissenschafter halten die Folgen der US-Immobilienkrise inzwischen für das größte Risiko für die heimische Konjunktur.

4. März: US-Notenbankchef Ben Bernanke warnt vor einer Verschärfung der US-Immobilienkrise.

6. März: Der Vizepräsident der Schweizer Nationalbank (SNB), Philipp Hildebrand, bezeichnet die Subprime-Krise als erste große und echte Krise der globalisierten Finanzmärkte. „Die amerikanische Zentralbank Fed ist zum Teil dafür verantwortlich.“ Die EZB belässt ihren Leitzins zum neunten Mal in Folge bei 4,0 Prozent.

10. März: Die US-Hypothekenkrise hat die Finanzkonzerne weltweit nach einer Schätzung der japanischen Börsenaufsicht bisher fast 140 Mrd. Euro gekostet. Die deutsche HSH Nordbank verschiebt ihren für 2008 geplanten Börsengang. Die US-Investmentbank Lehman Brothers will weitere rund 1.400 Arbeitsplätze streichen.

13. März: Die Fonds-Tochter der US-Beteiligungsfirma Carlyle steht vor dem Aus.

14. März: Die Subprime-Krise fordert ihr bisher prominentestes Opfer. Mit Bear Stearns, der fünftgrößten US-Investmentbank, steht die erste US-Großbank vor dem Abgrund. Die US-Notenbank Fed und JP Morgan müssen dem angeschlagenen Finanzinstitut nach massiven Liquiditätsproblemen unter die Arme greifen. Zum ersten Mal in seiner Geschichte ist der US-Dollar – für einen kurzen Moment – weniger Wert als der Schweizer Franken.

17. März: Die drittgrößte US-Bank JP Morgan übernimmt Bear Stearns. Die US-Währung notiert auf einem historischen Tief. Der Euro steigt auf 1,5905 US-Dollar. Der US-Ölpreis notiert erstmals über 111 US-Dollar. Die Vereinigten Staaten erleben nach Einschätzung des früheren Notenbankchefs Alan Greenspan die schwerste Finanzkrise seit dem Zweiten Weltkrieg. Die Krise werde „wahrscheinlich im Nachhinein als schlimmste seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs bewertet werden“. Die US-Notenbank senkt den Diskontsatz überraschend von 3,5 auf 3,25 Prozent. Außerdem wird eine zusätzliche Kreditmöglichkeit geschaffen. Analysten sprechen von einer „Notoperation“. Die Bank of England (BoE) startet eine Hilfsaktion und pumpt Milliarden Pfund in die Märkte. US-Präsident George W. Bush äußert sich zuversichtlich über den Zustand des US-Finanzsystems. „Die USA haben die Lage im Griff.“ Kein Staat kann sich vor den Auswirkungen der weltweiten Finanzkrise schützen, meint Weltbank-Präsidenten Robert Zoellick.

18. März: China ist laut Ministerpräsident Wen Jiabao „zutiefst beunruhigt“ über die weltweite Wirtschaftsentwicklung. Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann glaubt nicht mehr an die Selbstheilungskraft der Märkte und ruft Regierungen und Zentralbanken zu „mutigen Schritten“ gegen die Finanzkrise auf. Die verstaatlichte britische Hypothekenbank Northern Rock wird mehr als 2000 Mitarbeiter kündigen. Deutschlands Finanzminister Steinbrück (SPD) warnt vor einem Übergreifen der US-Finanzkrise auf andere Teile der Welt. „Wir haben es mit einer der größten Finanzkrisen der letzten Jahrzehnte zu tun.“ „Die Party ist vorbei“, so der Chef des deutschen ifo Instituts, Hans-Werner Sinn. Die USA werden die gesamte Weltwirtschaft nach unten ziehen. Der deutsche Wirtschaftsweise Peter Bofinger fordert ein Eingreifen der Politik in die Finanzmärkte. Die Turbulenzen an den Finanzmärkten treffen Japan. Die US-Investmentbank Lehman Brothers betont, keinerlei Liquiditätsprobleme zu haben, muss aber nochmals rund 1,8 Mrd. US-Dollar abschreiben. Die Aktie bricht nach Spekulationen, die Bank könnte das nächste Opfer der Finanzkrise werden, um bis zu 38 Prozent ein.

Bei der weltgrößten Investmentbank Goldman Sachs bricht der Gewinn im ersten Geschäftsquartal um die Hälfte auf 1,5 Mrd. US-Dollar ein. Die US-Notenbank senkt ihren Leitzins erneut deutlich um 0,75 Punkte von 3,00 auf 2,25 Prozent. Die Dresdner Bank stützt ihre Zweckgesellschaft K2 mit einem 1,5-Mrd.-Dollar-Kredit.

19. März: Nobelpreisträger Stiglitz sieht kein Ende der Finanzkrise. Die dramatische Lage auf den Finanzmärkten sei die „schlimmste Krise“ seit der Großen Depression der 1930er-Jahre. Die Titel des größten britischen Hypothekenfinanzierers HBOS brechen um bis zu 17 Prozent ein. Ex-Bundesbanker Edgar Meister rät zu staatlichem Eingreifen in die Finanzkrise. Die Krise sei „mittlerweile irrational“. In diesem Fall versagten in der Regel die Kräfte des Marktes. Der deutsche Finanzminister Steinbrück warnt vor überzogenen Reaktionen. Die Entwicklungen in den USA ließen keine unmittelbaren Rückschlüsse auf die Entwicklung in Europa und Deutschland zu. Beim größten Börsengang der US-Geschichte sammelt der Kreditkartenkonzern Visa die Rekordsumme von fast 18 Mrd. US-Dollar ein. Steuerzahler, Kreditnehmer und Sparer – auch in Europa – werden die Zeche für die laufende Finanzkrise bezahlen, sagt der frühere österreichische Finanzminister Ferdinand Lacina. Er macht die mangelnde Regulierung der Finanzmärkte für die Krise mitverantwortlich. Die Ölpreise fallen deutlich. Auch Gold verbilligt sich drastisch. Der Preis für eine Feinunze (31,1 Gramm) sinkt von rund 1000 auf rund 944 US-Dollar.

20. März: Führende britische Banker hoffen auf stärkere staatliche Unterstützung bei der Bewältigung der Finanzmarktkrise. Die Schweizer Großbank Credit Suisse korrigiert ihren Gewinn für das Jahr 2007 um gut 500 Mio. Euro nach unten. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) geht für die USA mittlerweile im ersten Halbjahr 2008 fast von einem Nullwachstum aus. Die schwer angeschlagene deutsche Mittelstandsbank IKB muss mit weiteren 450 Mio. Euro gestützt werden. Der geplante Verkauf von risikobehafteten Wertpapieren wird wegen des Preisverfalls gestoppt.

22. März: Das internationale Finanzsystem befindet sich nach Ansicht des deutschen Wirtschaftsweisen Bofinger in der schlimmsten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg.

24. März: Die Banken der Wall Street haben bisher mehr als 34.000 Jobs gestrichen. Die Zahl könnte mittelfristig sogar auf mehr als 100.000 steigen. Der Stellenabbau wäre damit gravierender als nach dem Platzen der Internet-Blase im Jahr 2001. Damals verloren binnen mehrerer Jahre rund 90.000 Beschäftigte ihren Job.

25. März: Nach massiven Protesten verfünffacht die Bank JP Morgan ihren Übernahmepreis für die schwer angeschlagene Investmentbank Bear Stearns von 2,0 auf 10,0 US-Dollar je Aktie. Das Vertrauen der US-Verbraucher in die wirtschaftliche Entwicklung fällt auf das niedrigste Niveau seit fünf Jahren.

26. März: Trotz Finanzkrise, Höhenflug des Euro und hohen Ölpreises bleibt die deutsche Wirtschaft auch im März überraschend optimistisch. Die britische Finanzaufsicht FSA kündigt eine verschärfte Kontrolle von Spitzenbanken an. Die Europäische Zentralbank sieht weiter die Gefahr steigender Preise in der Eurozone und vorerst kein Ende der Finanzmarktturbulenzen. Die Internationale Organisation für Effektenhandels- und Börsenaufsichtsbehörden (IOSCO) plant Verschärfungen im Verhaltenskodex für Ratingagenturen. EZB-Chef Jean-Claude Trichet glaubt, dass das gegenwärtige Zinsniveau das Richtige ist. Der Leitzins der EZB liegt seit Mitte 2007 bei vier Prozent, während die US-Notenbank ihren Leitzins bereits auf 2,25 Prozent gesenkt hat.

27. März: Der deutsche Wirtschaftsminister Michael Glos (CSU) verteidigt die milliardenschweren staatlichen Finanzhilfen für die Landesbanken WestLB, SachsenLB und die Mittelstandsbank IKB. Der deutsche Immobilienfinanzierer Hypo Real Estate (HRE) kann seine Gewinnprognose für das laufende Jahr nicht mehr halten. Großbritannien und Frankreich fordern die Banken auf, die wegen der internationalen Finanzkrise erlittenen Verluste umgehend offenzulegen. Bei der Suche nach Verantwortlichen der Kreditkrise geraten nun auch die Wirtschaftsprüfer in die Kritik. Sie sollen unsaubere Bilanzpraktiken zugelassen haben. Das lukrative Geschäft der Investmentbanken in Deutschland mit Fusionen und Aktienemissionen bricht um mehr als die Hälfte ein.

29. März: Die deutsche Finanzaufsicht BaFin erwartet bei Banken weltweit Verluste von bis zu 600 Mrd. Dollar.

31. März: Die EZB stellt den Banken kurzfristig einen weiteren Milliardenkredit zur Verfügung.

Die US-Regierung plant die umfassendste Reform der Finanzmarktaufsicht seit der Großen Depression vor rund 80 Jahren. Im Zentrum stehen erheblich erweiterte Befugnisse der US-Notenbank als oberste Wächterin der Finanzmarktstabilität. (APA)