Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 09.03.2018


Exklusiv

Tirol strampelt sich zum Rad-Land

Mit der Rad-WM als Zugpferd zeigt sich Tirol in Berlin als Sportland. Jeder dritte Gast fährt Rad, Tirols Radtourismus ist aber noch ausbaufähig.

© Gabriele GrießenböckRührten bei der internationalen Tourismusmesse in Berlin kräftig die Werbetrommel (v. l.): Rad-WM-Sportdirektor Thomas Rohregger, Ex-Kombinierer David Kreiner, Kletter-Ass Angela Eiter, Tirol-Werber Josef Margreiter.



Von Max Strozzi

Berlin, Innsbruck — Straßenrad-Weltmeisterschaft, Kletter-Weltmeisterschaft und die Nordische Ski-Weltmeisterschaft: Gleich drei Sport-Großereignisse stehen heuer bzw. in der nächsten Wintersaison in Tirol am Programm, und die stellt die Tirol Werbung bei der internationalen Branchenmesse ITB in Berlin gerade ins Schaufenster. Besonders mit der Rad-WM als Zugpferd will sich Tirols Tourismus im Sommer stärker als Radland präsentieren. „Wir sind bisher als Rad-Destination international kaum vertreten", räumt Tirols oberster Werber Josef Margreiter ein. Die Straßenrad-Weltmeisterschaft soll als Startschuss dienen, das Image aufzupolieren. Insgesamt rund 200 Millionen Menschen dürften das Event von den Fernsehgeräten verfolgen, 800.000 Radsport-Fans erwartet man sich während der Rad-WM-Woche in Tirol, an Spitzentagen dürften rund 200.000 Zuschauer Tirols Straßen säumen — das entspricht etwa knapp einem Viertel der Tiroler Bevölkerung. Eine „logistische Sonderprüfung" für die „schwerste Rad-WM, die es je gab", befindet Tirols Ex-Radprofi und WM-Sportdirektor Thomas Rohregger.

Tirol müsse am Rad-Tourismus partizipieren, sagt Josef Margreiter. Die Tirol Werbung habe nun die Aufgabe, das Land als Radland weiterzuentwickeln — quasi als das „Skifahren des Sommers" zu festigen. Bereits jetzt nutze jeder dritte Sommertourist während seines Urlaubs in Tirol das Fahrrad, was knapp 2 Millionen Urlaubern entspricht. „Tendenz stark steigend", ergänzt Margreiter. Die Rad-Infrastruktur in Tirol muss dafür aber noch ordentlich an Tempo zulegen. In den vergangenen zwei Jahren wuchs laut Tirol Werbung die Zahl der Single Trails bereits von 40 auf 112, womit sich die Biker auf 300 Kilometern Singletrails austoben können. Auch das Radwegenetz abseits der Straßen habe sich in den vergangenen beiden Jahren um 40 Kilometer ausgedehnt, zudem seien weitere 40 Kilometer in Bau und noch einmal 55 Kilometer in Planung. Mit den ÖBB und dem Verkehrsverbund sei man im Gespräch, entsprechende Angebote zu entwickeln. Ab dem Sommer werde darüber hinaus begonnen, Rennrad-Routen in Tirol zu beschildern. Touristen will die Tirol Werbung zudem Rennradtouren abseits der Hauptverkehrswege schmackhaft machen. Zur Rad-WM wird weiters ein österreichweiter Radroutenplaner als App auf den Weg gebracht.

Nicht nur dem Radtourismus widmet man sich in Berlin. Die Digitalisierung etwa erlebe eine „sehr rasante Entwicklung", bestätigen Tourismuswerber. Auch weitere Trends verfolgen die Tiroler mit Argusaugen. Denn dem Alpenraum wird zwar ein touristisches Wachstum von 4 bis 5 Prozent vorausgesagt. Wachstumstreiber sind aber andere: Dem Strand- und Sonnenurlaub wird ein 10-Prozent-Plus bescheinigt, dem Städtetourismus sogar ein 15-Prozent-Plus.

„Den Engpass gibt es auf der Straße"

Fast 40 Prozent mehr Urlauber seit 2007: Tirol-Werber Josef Margreiter zu Rekorden und Co.

Beliebte Reiseziele wie Barcelona oder Venedig stöhnen unter den immer größeren Touristenmassen. Inzwischen beschäftigt sich die Branche mit dem „overtourism" — also den Grenzen des Massentourismus. Kratzt Tirols Wintertourismus am Limit?

Josef Margreiter: Mit der kürzeren Aufenthaltsdauer ist die Urlauber-Frequenz gestiegen. Die Skigebiete beweisen, dass sie den Andrang vieler Tausender Gäste am Tag problemlos bewältigen können.

In Tirol ist die Zahl der Urlauber in den letzten zehn Jahren um fast 40 Prozent auf 11,7 Millionen Gäste nach oben geschnellt, mit allen Folgen für den Verkehr samt kilometerlanger Staus. Kann das so weitergehen?

Margreiter: Den Engpass gibt es auf der Straße — an einigen neuralgischen Punkten haben wir Handlungsbedarf. Das ist aber Aufgabe der Gemeinden und des Landes, hier Verbesserungen zu erreichen. Wir als Touristiker können versuchen, die Gäste verstärkt auf die Schiene zu bringen.

Heuer steuert die Wintersaison wieder auf einen Gäste- und Nächtigungsrekord zu. Wie lange hält Tirol noch die Rekordjagd aus?

Margreiter: Die Landesregierung versucht, die Nächtigungszahlen in der Kommunikation nach hinten zu rücken und die Wertschöpfung und Zufriedenheit der Gäste hervorzuheben. Die Nächtigungszahlen werden sich als Indikator für den Tourismus aber nicht verabschieden. Und eines muss man schon auch festhalten: Wenn Tirol in einer solchen Wintersaison wie der heurigen keine Zuwächse erzielt — wann dann?

Trotzdem wird Tirol wohl früher oder später an seine touristischen Grenzen stoßen.

Margreiter: Wir tun gut daran, die Bettenkapazität nicht zu erweitern. Und in den letzten 20 Jahren ist das Bettenangebot in Tirol insgesamt sogar bereits gesunken.

Das Gespräch führte Max Strozzi