Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 25.06.2018


Markt

Versichert gegen Shitstorm

Die Polizzen der Versicherungen sollen die Umsatzverluste abdecken, die Firmen durch Rufschädigung erleiden.

© iStockphotoSoziale Medien potenzieren Unmut bis zur Rufschädigung.Foto: iStock



München – Die Angst vor Skandalen beschert der Versicherungsbranche ein neues Geschäft: Schutz gegen den Shitstorm. Nach der Munich Re und großen US-Versicherern steigt nun auch der europäische Marktführer Allianz mit einer Anti-Skandal-Versicherung in das Geschäft mit dem „Reputationsschutz“ ein. Die Polizzen decken Umsatzverluste ab, die Firmen durch rufschädigende Krisen erleiden. Außerdem enthalten: professionelle Beratung für das Krisenmanagement. „Wir wollen unsere Kunden vor, während und nach der Krise unterstützen“, sagt Martin Zschech von der Allianz-Gesellschaft AGCS, die die großen Firmenkunden des Münchner Konzerns betreut.

Die Angst vor dem Skandal steigt offensichtlich in den Chefetagen rund um den Globus: Laut alljährlichem „Risikobarometer“ der Allianz hatte 2013 gut jedes zehnte Unternehmen Sorgen vor „Reputationsschäden“, 2018 war es bereits fast jedes achte. In die alljährliche Umfrage fließen die Einschätzungen von gut 1900 Risikoexperten aus 80 Ländern ein. In früheren Jahrzehnten waren es in der Regel Ermittler oder Journalisten, die Skandale ans Tageslicht brachten. Inzwischen beginnt die Empörung oft in sozialen Netzwerken, bevor Medien – oder Staatsanwälte – ein Thema aufgreifen. Zudem machen es die sozialen Netzwerke nahezu unmöglich, kompromittierende Nachrichten unter der Decke zu halten. „Fast 70 Prozent der Krisen verbreiten sich innerhalb von 24 Stunden international“, sagte Natali Brandes, eine auf Unternehmenskrisen spezialisierte Fachfrau bei CNC Communications.

Doch Versicherungen nehmen die hässlichen Wörter „Skandal“ oder „Shitstorm“ ungern in den Mund. Die Branche bevorzugt weniger schmerzliche Begriffe: „Medienereignis“ etwa, oder „negative Berichterstattung“. Die Munich Re bietet ihre Reputations-Polizzen seit 2012 an: „Zunächst waren Cyberrisiken das beherrschende Thema, eine gesteigerte Nachfrage nach dem Reputationsschutz gibt es vor allem seit 2015/16“, sagt Managerin Ulrike Raible. Nicht versicherbar sind allerdings Straftaten in der Chefetage: Zum VW-Dieselskandal schweigt die Versicherungsbranche höflich. (APA, dpa)