Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 05.09.2018


Österreich

„Marathon, kein Sprint bei Aktien“

Die Wiener Börse lockt Tiroler Unternehmen und hofft auf Impulse durch die neue Regierung.

© APAChristoph Boschan, CEO der Wiener Börse



Innsbruck, Wien – Kaiserin Maria Theresia hatte die Wiener Börse 1771 als eine der weltweit ersten Wertpapierbörsen gegründet. Heute stehe man auch im internationalen Vergleich sehr gut da und liege im Umsatzvergleich auf Platz elf der 22 EU-Börsen, sagte Börse-Chef Christoph Boschan bei einem Besuch zur TT. Der Handelsumsatz stieg im Vorjahr um 20 Prozent auf 66,1 Mrd. Euro, die Marktkapitalisierung auf 131 Mrd. Euro. Nach dem Motto „Österreich für die Welt, die Welt für Österreich“ öffne man das Tor für österreichische Unternehmen und sei attraktiv für ausländische Investoren.

Boschan wirbt daher sowohl um Investoren als auch um Tiroler Unternehmen, an die Börse zu gehen. Die Anzahl der börsennotierten Unternehmen ist unter­durchschnittlich, bei der Geldanlage gelten die Österreicher als „Aktienmuffel“. Boschan fordert mutige Schritte der Politik, von verstärkten Wirtschaftsinformationen in den Schulen bis zu einer deutlichen Stärkung der 2. und 3. Pensionssäule. Unternehmen könnten wie in der Schweiz verpflichtet werden, für ihre Mitarbeiter verstärkt vorzusorgen, zudem sollten für die private Vorsorge steuerliche Anreize geschaffen werden.

Die Aussichten für Aktien-Anlagen seien gut: So habe der Wiener Index ATX in den letzten 25 Jahren im Schnitt um 6 bis 7 Prozent pro Jahr zugelegt, weit stärker als jede Ansparform. Aktien-Investments seien aber „kein Sprint, sondern ein Marathon“, betont Boschan. Sinnvoll sei es, das zu kaufen, was bereits Erfolg habe, bei den Aktien das Risiko zu streuen und langfristig investiert zu bleiben.

Deutlich erhöhen möchte der Börse-Chef auch die Zahl der in Wien gelisteten Unternehmen, gerade auch aus Tirol. Die Tiefstzinsen seien für Börsengänge nicht förderlich, börsennotierte Unternehmen seien aber in der Regel erfolgreicher als andere und bekämen auch günstigere Finanzierungen. Spätestens Anfang 2019 will die Wiener Börse mit dem „direkt market“ und „direct market plus“ ein neue­s Marktsegment starten, das sich an KMU und Jungunternehmen richtet. Um Zugang zum „direct market“ zu haben, muss ein Unternehmen eine Aktiengesellschaft (AG) sein und einen gewissen Streubesitz herstellen. Beim „direct market plus“ kommen weitere Voraussetzungen dazu, unter anderem ein veröffentlichter Jahresabschluss, ein Halbjahresbericht, die Veröffentlichung eines Unternehmenskalenders im Internet und die Begleitung des Unternehmens durch einen Capital Market Coach. (va)