Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 28.06.2019


Markt

Zwiebeln mit Tausenden Kilometern Transportweg

Weil die europäischen Zwiebellager nach der Trockenheit im Vorjahr rasch leer waren, landete Ware aus Neuseeland bei den Konsumenten.

Die heimischen Gemüseproduzenten sind laut Landwirtschaftskammer mit hohen Lohnnebenkosten und wenigen Arbeitskräften konfrontiert. (Symbolbild)

© dpa-ZentralbildDie heimischen Gemüseproduzenten sind laut Landwirtschaftskammer mit hohen Lohnnebenkosten und wenigen Arbeitskräften konfrontiert. (Symbolbild)



Von Cornelia Ritzer

Wien – „Was ist mit den Zwiebeln los?“ Das fragte sich Georg Gossi, Küchenchef in einem Hotel im Burgenland, vor wenigen Wochen – und seinen Gemüsehändler. Denn, so Gossi: „Die Zwiebeln haben sich anders angefühlt, anders ausgeschaut und geschmeckt.“ Die Antwort hat dem Küchenmeister aus Pinkafeld, der die Grünen in der Arbeiterkammer Burgenland vertritt, ebenfalls nicht geschmeckt. „Die Zwiebeln waren aus Neuseeland, da die heimischen aus waren.“ Damit habe das Gemüse eine CO2-Bilanz, die laut Gossi „eigentlich katastrophal“ ist: „Die banalste Zutat in der Küche, die Zwiebel, hat den weitesten Weg hinter sich.“ 18.510 Kilometer Luftweg liegen zwischen Tirol und Neuseeland.

„Jetzt gibt es wieder heimische Zwiebeln“, sagt Maximilian Karner, Gemüsehändler in Niederösterreich. Es habe „nur ein paar Wochen“ einen Engpass gegeben, so Karner. Der Großhändler, der den kleinen Linsberger Familienbetrieb beliefert, habe weiße Zwiebeln aus Griechenland angeboten – und eben rote Zwiebeln aus Neuseeland. Karner: „Weil es sonst gar keine gibt.“ Die trockenen Saisonen der vergangenen zwei Jahre haben die Ernte gedrückt, erzählt der Fachmann. Und nicht nur Zwiebeln, auch Erdäpfel sowie Spargel hatten „schwache Saisonen“. Und Karner relativiert: Gemüse aus Neuseeland in österreichischen Handelsregalen und Küchen sei auch früher „gang und gäbe“ gewesen.

Das bestätigt Eva-Maria Gantar. „Zwiebeln aus der Südhemisphäre, Ägypten oder Neuseeland gab es jedes Jahr, das ist nichts dramatisch Neues“, sagt die Mitarbeiterin der Landwirtschaftskammer und Geschäftsführerin des Branchenverbands für Obst und Gemüse. Doch im Vorjahr ist bedingt durch die Trockenheit die Zwiebelernte in ganz Europa sehr niedrig ausgefallen, die im Herbst geerntete und über den Winter gelagerte Ware wurde früher knapp. „Es war weniger Ware aus Europa verfügbar“, sagt Gantar.

Dabei habe Österreich bei Zwiebeln einen „sehr hohen Selbstversorgungsgrad“, produziert mehr, als absetzbar ist, und exportiert in den EU-Raum, erklärt die Expertin der Kammer. Warum Gemüse aus Chile, Neuseeland und Co. trotz aufmerksamer Kunden und eigentlich verfügbarer frischer Saisonware in den Geschäften landet? „Die Bauern sind in einem Dilemma“, verweist Gantar auf den Preisdruck. In Italien und Deutschland seien die Lohnnebenkosten weniger hoch, auch erfülle Österreich zusätzliche Zertifizierungen und Standards.

Dass manche Waren inzwischen nicht zu jeder Saison nachgefragt werden, erzählt noch Küchenchef Gossi. Wenn es auf der Speisekarte keine Erdbeeren gibt, „nehmen die Gäste das hin“.