Letztes Update am Fr, 28.06.2019 08:48

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Arbeitsmarkt

„Pfusch“ für Österreicher immer noch Kavaliersdelikt

Der „Pfusch“ steht immer an Spitze der „Kavaliersdelikte“. Allerdings geht der Anteil der Schwarzarbeit am BIP seit Jahren kontinuierlich zurück.

Symbolfoto

© Volkmar Schulz / KeystoneSymbolfoto



Wien – Schwarzarbeit und Pfusch liegen in Österreich mit fast 60 Prozent Akzeptanz der Bevölkerung noch immer an der Spitze der „Kavaliersdelikte“. Für fast 30 Prozent der Bevölkerung ist es durchaus okay, selbst einer Schwarzarbeit nachzugehen, geht aus neuen Befragungsdaten des Linzer Ökonomen Friedrich Schneider hervor.

Aktuell zeigen sich 59 Prozent der Bevölkerung kulant, was Schwarzarbeit und Pfusch betrifft. Das ist nur eine leichte Reduktion gegenüber früheren Werten. Unter 50 Prozent lagen die Ergebnisse nur 2008 und 2012, während 1998 und 2017 Spitzenwerte von 64 und 60 Prozent erreicht wurden. 29 Prozent sehen kein Problem darin, selbst Schwarzarbeit auszuüben - auch dieser Wert schwankte kaum in den vergangenen 21 Jahren, seit Schneider dieses Thema untersucht.

null
-

Pfusch geht um fünf Prozent zurück

Besonders hoch im Kurs stehen unverändert Elektroarbeiten, Autoreparaturen, Schönheitspflege und Massagen sowie diverse Tätigkeiten rund um Haus und Garten und die Nachhilfe. 22 Prozent der Befragten gaben an, sie hätten bei Autoreparaturen – und 11 Prozent bei Hausbau, -umbau, größeren Renovierungen – schon einen Pfuscher in Anspruch genommen; zugleich gehen sie aber von drei bis sechs Mal (60 bzw. 65 Prozent) so hohen Werten für diese Sektoren aus, die Häufigkeit des Vorkommens wird also weit überschätzt.

Insgesamt wird die heimische „Wertschöpfung“ durch Pfusch heuer erneut um knapp über fünf Prozent zurückgehen – auf 24,0 Milliarden Euro. Gemessen am Bruttoinlandsprodukt (BIP) sind das 6,2 Prozent (nach 6,5 Prozent im Vorjahr). So niedrig war der BIP-Anteil des Pfusch zuletzt in den 1990er Jahren.

Schlechtes Gewissen ist bei Schwarzarbeit kaum zu registrieren, konstatiert der Ökonom. 69 Prozent der Befragten meinten, vieles sei erst durch Pfusch leistbar, und - 59 Prozent - der Staat sei wegen der hohen Steuerbelastung selbst schuld, dass so viele Schwarzarbeit nutzen. Zudem wird dem Pfusch eine gute Qualität der erbrachten Leistungen attestiert (meinten 64 Prozent). Anzeigen oder Strafen sind kein Thema: Nur 5 Prozent finden, dass man Pfusch anzeigen sollte, nur 2 Prozent gaben an, dass sie auch tatsächlich Pfuscher anzeigen. Auch sind nur 5 Prozent für hohe Geldstrafen für Pfusch. All diese für Schneider „sehr bemerkenswerten“ Ergebnisse haben sich im Zeitraum 1998 bis 2019 kaum geändert.

Größter Verlierer ist der Staat

Die Einstellung der Österreicher zum Thema Schattenwirtschaft hat Schneider bei einer Repräsentativbefragung im April erhoben. Es handelte sich um knapp über 1000 Face-to-face- und Online-Interviews, repräsentativ für die ab 15-Jährigen, wobei die maximale statistische Schwankungsbreite bei +/- 3,16 Prozent liegt.

In die offizielle Wirtschaft werden Pfusch-Aktivitäten nur dann überführt, wenn es attraktiv ist, sich dort verstärkt zu engagieren. Das stelle eine herausfordernde Aufgabe für die staatlichen Institutionen dar, also des Bundes, der Länder und der Kommunen. So könnte etwa nach Meinung des Experten die Abschaffung der „kalten Progression“ den Pfusch um 500 Mio. Euro jährlich senken. Weitere 800 Mio. Euro Reduktion wären erreichbar durch Einführung einer steuerlichen Absetzbarkeit haushaltsnaher Leistungen bzw. eine Fortführung des Handwerkerbonus, erklärte er zur APA. Auch eine Senkung der Lohnnebenkosten sowie eine mehrjährige Sperre von öffentlichen Aufträgen für jene Firmen, die schwarz arbeiten oder schwarz arbeiten lassen, könnte den Pfusch vermindern.

Größter Verlierer beim Pfusch sei der Staat, so Schneider, dem hauptsächlich SV-Beiträge entgehen - samt Steuern 2,0 bis 3,5 Milliarden Euro. Die Steuerverluste seien gering, da das schwarz verdiente Geld gleich wieder in die offizielle Wirtschaft zurückfließe. (APA)


Mehr Artikel aus dieser Kategorie

SymbolfotoWirtschaftswachstum
Wirtschaftswachstum

Weltwirtschaft wächst langsamer, IWF senkt Prognose erneut

Der IWF senkte seine Vorhersage heuer bereits zum dritten Mal leicht senken. Im April hatte der Fonds noch ein Wachstum von 3,3 Prozent vorausgesagt.

nur vier Modelle ließen sich nicht knacken. Konsumentenschutz
Konsumentenschutz

ÖAMTC: „Keyless-Go“-Schließsysteme nach wie vor viel zu leicht zu knacken

Der ÖAMTC hat die sogenannten „Keyless-Go“-Schließsysteme von 273 Autos untersucht. Der Automobilclub beklagt, dass die Hersteller die bekannten Sicherheitsl ...

(Symbolfoto)Konjunktur
Konjunktur

Konjunkturschwäche und Zollstreit verhageln deutschen Firmen die Bilanz

Brexit, Handelskonflikte und Sanktionen beeinträchtigen zunehmend die Geschäfte. Vor allem die Metallindustrie und Auto- und Maschinenbauer sind vom Konjunkt ...

Anders als die Kenn­zeichnung vieler Produkte verspricht, sind die Bambusbecher nicht recycel­bar.Konsumentenschutz
Konsumentenschutz

Stiftung Warentest: „Finger weg von Bambusbechern“

Die meisten Produkte seien schadstoffbelastet oder von geringem ökologischen Nutzen. Stiftungwarentest beklagt zudem falsche Werbeversprechen.

SymbolfotoGeldpolitik
Geldpolitik

EZB: Firmen kamen im Frühjahr etwas schwerer an Kredite

Die Geldhäuser haben auf Grund der sich eintrübenden Konjunktur die Standards für Firmendarlehen verschärft. Bei Verbraucherdarlehen wird wieder mit einer Lo ...

Weitere Artikel aus der Kategorie »