Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 29.07.2019


Datenvernichtung

Schredder machen aus Daten einen Wertstoff

Die Schredder-Affäre rückt die professionelle Datenvernichtung in den Mittelpunk. Die Branche bekommt durch den Datenschutz Aufwind.

Mit dem mobilen „Aktenbeißer“ der Firma Zimmermann-Ganahl werden Akten oder Datenträger auf Wunsch direkt beim Betrieb vernichtet.

© M. WeissengruberMit dem mobilen „Aktenbeißer“ der Firma Zimmermann-Ganahl werden Akten oder Datenträger auf Wunsch direkt beim Betrieb vernichtet.



Von Cornelia Ritzer

Wien, Hall – Die mit vielen (innenpolitischen) Fragezeichen versehene Zerstörung von fünf Festplatten aus dem Bundeskanzleramt von Ex-Kanzler Sebastian Kurz hat viele Fragen aufgeworfen. Die TT berichtete. Das Schreddern – bestellt wurden vom ÖVP-Mitarbeiter drei Durchgänge – wurde von der Firma „Reisswolf“ durchgeführt. Und deren Geschäftsführer Siegfried Schmedler sagte später, dass es in der 25-jährigen Geschichte des Unternehmens „noch nie passiert“ sei, dass jemand „unter falschem Namen und mit solchem Aufwand Festplatten vernichten hat lassen“.

Doch wie sieht eine Datenvernichtung üblicherweise aus? Die in Hall ansässige Firma Zimmermann-Ganahl gab der TT Auskunft. Eine Aktenvernichtung umfasst laut Geschäftsleiter Thomas Baumüller Papiere mit sensiblen personenbezogenen Daten, die vernichtet werden. Und die Datenvernichtung – derzeit das kleinere Geschäftsfeld – betrifft Speichermedien, Chips, CDs oder Handys. Also alle Komponenten, auf denen elektronische Daten gespeichert werden können. Bei beiden ist eine Vernichtung notwendig, erklärt Baumüller: „Die Vergangenheit hat bewiesen, dass man auf Festplatten oder Chips gespeicherte Daten nicht unwiderruflich löschen kann. Das können – wenn überhaupt – nur spezialisierte IT-Unternehmen. Die einzig sichere Variante ist das mechanische Zerstören.“ Den dazu notwendigen Schredder müsse man sich wie einen gewöhnlichen Büroschredder vorstellen – „nur überdimensional größer und stärker“, so der Geschäftsleiter. Übrig bleiben nur noch Kleinteile – sowohl von den Papierakten als auch von den Datenträgern.

An diesem Punkt ist der Umweltschutz-Gedanke voll in der Datenvernichtungs-Branche angekommen. Denn habe man vor 25 oder 30 Jahre die vernichteten Daten noch in einer Aushub-Deponie vergraben, später dann verbrannt, werden die Rohstoffe heute besser genutzt. „Die Wertstoffe waren früher verloren“, erklärt Baumüller. „Mit der Möglichkeit des Schredderns, wie wir sie jetzt haben, kann man die Wertstoffe wieder zu 100 Prozent in der Kreislaufwirtschaft einsetzen. Somit ist der Wertstoff nicht verloren.“

Neben der Nachhaltigkeit hat auch die seit Mai des Vorjahres geltende Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) die Branche bewegt. Einerseits sorge die Vernichtung von Daten für mehr Geschäft: „Wir schätzen, dass zwischen 25 und 30 Prozent mehr vernichtet wird als vor der DSGVO.“ Auch sei das Bewusstsein für die Sensibilität der Daten gestiegen, so Baumüller. „Wir merken, dass sich seit der Datenschutzgrundverordnung wesentlich mehr Betriebe darum kümmern, wie sie ihre Daten richtig entsorgen, damit sie nicht in die falsche Hände kommen.“

Zu den Kunden des Haller Betriebes gehören Banken, Krankenhäuser oder Behörden. Baumüller: „Bei großen Schredderaktionen ein- bis zweimal im Jahr vernichten wir Hunderte Festplatten für die Polizei, auch von größeren Industriebetrieben schreddern wir Material.“ Vertraulichkeit sei laut Baumüller dabei das Um und Auf. „Unsere 40 Mitarbeiter unterschreiben eine Vertraulichkeitserklärung. Wir wollen auch gar nicht wissen, welche Daten wir bekommen. Nur so kann man das Vertrauen des Kunden gewinnen, damit er weiß, dass das alles sauber vernichtet wird.“

Ob die öffentlich gewordene Schredder-Affäre Auswirkungen auf die Geschäftsentwicklung hat, wollte man bei der Firma „Reisswolf“ übrigens nicht (mehr) kommentieren.