Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 10.08.2019


Studie

Carsharing und Co.: Teilen entlastet die Umwelt nur wenig

Der Nutzen von Sharing-Modellen für die Umwelt ist eher gering. Zu diesem Ergebnis kommt das Berliner Institut für ökologische Wirtschaftsforschung. Eine weitere Studie bescheinigt kaum Interesse an Carsharing.

Mieten statt besitzen: Autos, Fahrräder und E-Scooter können in vielen Städten einfach über Apps gebucht werden.

© APAMieten statt besitzen: Autos, Fahrräder und E-Scooter können in vielen Städten einfach über Apps gebucht werden.



Berlin, Wien – Ein Auto, ein E-Scooter, ein Fahrrad, ein Apartment – für eine Buchung sind meist nur ein paar Klicks auf dem Smartphone nötig. Sie boomt, die Kultur des Teilens, in der Ökonomie auch als „Sharing Economy“ bezeichnet. Zunehmend sprießen auch Nischen-Angebote aus dem Boden: So kann man sich online Spielzeug ausleihen, in Bochum Bienenvölker mieten oder in Köln seinen Kleiderschrank teilen.

Letzteres ist das Konzept von Lena Schröder, die dem Überfluss der Textilindustrie den Kampf angesagt hat. Das Konzept ihrer „Kleiderei“: Gegen einen Mitgliedsbeitrag darf man sich pro Monat ein paar Kleidungsstücke ausleihen, und zwar auf unbegrenzte Zeit. „Ich hatte keinen Bock mehr auf ‚Fast Fashion‘“, sagt die Gründerin. In ihrem Geschäft hängen Blumenhosen neben Glitzerpumps, Lederschuhen und Jeans. Die Kleidung stammt aus Kleiderspenden oder von fair produzierenden Modelabels.

Wer leiht, muss nicht kaufen – und verschwendet somit keine Ressourcen. Aber sind die Angebote wirklich so nachhaltig, wie sie klingen? Maike Gossen vom Berliner Institut für ökologische Wirtschaftsforschung hat das mit Kollegen untersucht und herausgefunden: So wie die Sharing-Angebote heute genutzt werden, kann man allenfalls von einem geringen Nutzen für die Umwelt sprechen. „Das Versprechen, Sharing leiste einen Beitrag zur Entlastung der Umwelt, kann man zwar bejahen – aber die Effekte sind geringer, als immer so suggeriert wird“, sagt Gossen.

Die ernüchternde Ökobilanz hängt nach Ansicht der Forscher vor allem davon ab, wie die Angebote genutzt werden. „Man spart oder erhält sogar Geld, und das gibt man dann an anderer Stelle wieder aus“, erklärt Gossen. In einigen Fällen entstehe durch ein Sharing-Angebot sogar zusätzlicher Konsum. Als Beispiel nennt Gossen Airbnb, durch das möglicherweise erst der Anreiz für manche Reise geschaffen wird – die dann eine zusätzliche Belastung der Umwelt ist. Eine relativ positive ökologische Bilanz haben hingegen private Mitfahrgelegenheiten, durch die Extra-Fahrten eingespart werden.

Für Unternehmen bietet der Zeitgeist des Teilens neue Möglichkeiten, um Geld zu verdienen. „Es ist sicherlich so, dass Unternehmen das als weitere Marktlücke definieren, um weitere Zielgruppen zu erreichen“, sagt Verena Bax, die bei der Umweltorganisation Nabu für Umweltpolitik zuständig ist. Die Nabu-Expertin bewertet Sharing-Modelle grundsätzlich als positiven Beitrag zur Umweltentlastung, fügt allerdings hinzu: „Nur wenige Menschen sind bereit, sich mit anderen Menschen etwas zu teilen und ihre Komfortzone zu verlassen.“

Die Erkenntnisse von Maike Gossen und ihren Kollegen bestätigen diese These: So zählen nur rund zehn Prozent der Befragten zu den aktiven Nutzern, die das Sharing als Teil ihres Lebensstils sehen und viel nutzen. Jeweils knapp 20 Prozent sind pragmatische Nutzer oder solche, die der Idee gegenüber zumindest grundsätzlich positiv eingestellt sind. Allerdings lehnt auch fast jeder Fünfte das Konzept ab oder kann sich nicht vorstellen, es zu nutzen.

Ein schlechtes Zeugnis stellt auch eine internationale Studie der Unternehmensberatung A.T. Kearney dem Carsharing aus. „Der Anteil der Bevölkerung, der überhaupt für die Nutzung von Carsharing-Autos in Frage kommt, liegt bei nur fünf Prozent“, sagt Wulf Stolle, Partner bei A.T. Kearney und Mobilitätsexperte. Für Österreich wurden keine Zahlen erhoben, der Markt sei aber mit Deutschland vergleichbar. Neben der geringen Akzeptanz sei auch der Nutzen für die Umwelt überschaubar, so die Studienautoren, denn regelmäßiges Carsharing gehe zu Lasten des öffentlichen Verkehrs.

Trotzdem bewegt Sharing Economy dazu, stärker über das Konsumverhalten nachzudenken. Victoria Blechman ist seit mehr als drei Jahren Mitglied in der Kölner Kleiderei. Mit der fairen Kleidung fing es bei der 30-Jährigen an, doch heute kauft sie auch häufiger Bio-Produkte, denn: „Man bekommt ein anderes Gefühl für die Wertigkeit von Dingen.“ (dpa, TT)