Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 10.08.2014


Markt

Tirol hinkt bei Start-ups deutlich hinterher

Fernab der Tourismusbranche ist die Zahl der Jungunternehmer in Tirol vergleichsweise gering.

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© tabtag



Von Carina Engel

Innsbruck – Große Ideen, aber ein sehr kleines Netzwerk: Die Tiroler Start-up-Szene steckt noch in den Kinderschuhen. Auch eine Statistik der Plattform „Austrian Start-ups“ belegt: Während im Jahr 2013 rund 68 Prozent aller österreichischen Neugründungen ihren Sitz in Wien haben, sind nur etwa 2,5 Prozent in Tirol angesiedelt.

„Das überrascht mich nicht“, zeigt sich Christoph Holz ob des enormen Unterschieds unbeeindruckt. Der Tiroler ist Gründer von Visalyze, einem Software-Tool zur grafischen Darstellung von Daten aus sozialen Netzwerken wie Facebook oder Twitter und IT-Fachgruppenobmann der Tiroler Wirtschaftskammer (WK). „Man traut Tirol zu, Weltmeister im Tourismus zu sein, aber den Menschen klarzumachen, dass es hier auch noch etwas anderes gibt, ist dann doch eine große Herausforderung“, erklärt Holz.

Auch fehlende Bildungsmöglichkeiten seien für die Tiroler Start-up-Szene ein Problem, weiß Marc Stickdorn, Gründer von MyServiceFellow, einer App, mit der Kunden ihre Erfahrungen mit einem Produkt oder einer Dienstleistung, dokumentieren können. „Wenn wir uns anschauen, wo Tirol in der Bildung führend ist, dann sind wir eben wieder beim Tourismus“, gibt er zu bedenken. In größeren Städten wie Wien gebe es ein facettenreicheres Bildungsangebot. Dass dort vermehrt junge Firmen entstehen, sei daher auch für ihn nicht überraschend.

Zudem stellt auch die Personalsuche für das junge Unternehmen mit Sitz im Innsbrucker Stadtteil Wilten ein besonderes Problem dar: „Spezialisierte Mitarbeiter im IT-Bereich zu finden, das ist ganz, ganz schwer in Tirol“, berichtet Stickdorn.

Dass der Anteil an Start-ups in der Bundeshauptstadt so groß ist, hänge auch von der Demographie ab. „Je größer die Stadt ist, umso größer sind die Chancen, dass man mehr Menschen erreicht“, glaubt Volker Lobmayr. Dank zahlreicher Unterstützer auf der Crowdfunding-Plattform Kickstarter, wo Innovationen vorgestellt und von der Gemeinschaft finanziert werden, konnte der gebürtige Tiroler im Juli sein eigenes Unternehmen inklusive Webshop starten. tabtag produziert und verkauft farbenfrohe, leuchtende Sticker für Apple-Laptops, die jederzeit abgenommen und wieder verwendt werden können. In seiner Wahlheimat Wien ist tabtag schon vielen ein Begriff. Prinzipiell sei der Erfolg eines ‚Betriebes zu einem Großteil auch eine Frage des Durchhaltevermögens – vielmehr als eine Frage des Standortes, findet der Jungunternehmer.

Neben der traditionellen Finanzierung durch Bankkredite werden auch öffentliche Förderungen und Crowdfunding bei jungen Gründern immer populärer, wie eine aktuelle Studie des Markforschungsinstituts marketmind zeigt. Demnach stagnierte die Finanzierungsleistung der Banken im Jahr 2013 mit 26 Prozent auf Vorjahresniveau, Finanzierungen aus Förderungen stiegen im Vergleich zu 2012 um drei Prozent auf insgesamt acht Prozent an.

Eine dieser Förderstellen ist der Austrian Wirtschaftsservice (AWS). Dieser unterstützt Start-ups bei ihren Gründungen und Investitionen. 10 Prozent der Förderleistung gehen nach Tirol, erklärt Pressesprecher Matthias Bischof. „Das zeigt, dass sich gerade in Tirol irrsinnig viel tut und wir da auch einen Schwerpunkt setzen“, betont Bischof.

Auch Florian Becke, Geschäftsführer des Tiroler Zentrums für akademische Spin-offs (CAST), sieht durchaus Vorteile für Start-ups am Standort Tirol: „Es gibt hier ein starkes, unterstützendes Netzwerk, zu dem man relativ rasch und unkompliziert Zugang bekommt“.

Für Visalyze-Chef Holz seien finanzielle Förderungen und ein starkes Netzwerk aber nicht genug, er fordert vor allem von politischer Seite „klare Symbole des technologischen Fortschritts“. Dies sei kein Plädoyer gegen Volksmusikfeste, sondern eine Forderung nach Technologieveranstaltungen und Innovationszentren. „Wir müssen uns über eine Tourismus- und Agrardestination hinausentwickeln und den Innovationsgedanken in den Vordergrund stellen, ansonsten bleiben wir in der Vergangenheit hängen – und das schaut dann nicht gut aus für Tirol.“