Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 04.07.2016


Tirol

Lohn-Razzia in Tirol: Mehrere Millionen an Finanz vorbeigepflückt

Ein Tiroler Bauer soll bei Erntehelfern zwei Lohnlisten geführt und damit die Finanz um Millionen getäuscht haben. Finanzpolizei bestätigt Razzien.

Die Entlohnung von Erntehelfern gerät erneut in den Fokus: Ein Tiroler Betrieb soll Finanz und Krankenkasse Millionen vorenthalten haben.

© Julia HammerleDie Entlohnung von Erntehelfern gerät erneut in den Fokus: Ein Tiroler Betrieb soll Finanz und Krankenkasse Millionen vorenthalten haben.



Von Max Strozzi

Innsbruck – Auf Lohndumping in der Tiroler Landwirtschaft hatten Erntehelfer in den vergangenen Jahren bereits lautstark aufmerksam gemacht. Nun wurde im Großraum Innsbruck ein neuer Verdachtsfall bekannt: Es geht um den Verdacht der organisierten Schwarzarbeit und der Abgabenhinterziehung. Ein Betrieb soll demnach bei seinen Erntehelfern jahrelang zwei unterschiedliche Lohnlisten geführt haben. Dabei sollen in der offiziellen Liste für das Finanzamt deutlich weniger Arbeitsstunden der Erntehelfer aufgezeichnet und damit auch eine wesentlich niedrigere Entlohnung angeführt worden sein. In der zweiten, internen Liste sollen dagegen die tatsächlich geleisteten Stunden der Erntehelfer und der höhere, tatsächlich ausbezahlte Lohn aufgezeichnet worden sein. Die Differenz sei schwarz in bar ausgezahlt worden. Mitarbeiter seien zudem instruiert worden, wie die doppelten Listen zu führen sind, wie die TT erfuhr. Dutzende Erntehelfer aus Osteuropa waren in dem Betrieb laufend im Einsatz. Finanz und Sozialversicherung sollen insgesamt mindestens 5 Mio. Euro entgangen sein.

Die Finanzpolizei bestätigte auf TT-Anfrage entsprechende Hausdurchsuchungen an mehreren Standorten durch ein Großaufgebot an Ermittlern (siehe auch Artikel auf Seite 1), im Zuge dessen sich der Verdacht erhärtet habe. „Das sichergestellte Material muss jetzt durch ein Sonder-Ermittlungsteam der Finanzpolizei ausgewertet werden“, sagte Thomas Wörgötter, Chef der Finanzpolizei Region West. Der Unternehmer habe bereits gestanden und auch Erntehelfer hätten bestätigt, Geld schwarz auf die Hand erhalten zu haben. Eine weitere Frage dürfte die Finanz noch beschäftigen. Nämlich woher die hohen Bargeldsummen stammen, mit denen die Erntehelfer schwarz bezahlt wurden.

Das Thema Lohndumping bei den – meist aus Osteuropa stammenden – Erntehelfern hat in der jüngeren Vergangenheit bereits mehrfach Aufsehen erregt. 2013 protestierten 50 Arbeiter aus Serbien und Rumänien auf dem Gelände eines Gemüsebauern in Thaur gegen die prekären Arbeits- und Einkommensbedingungen und kündigten ihre Arbeit. Daraufhin schalteten sich der Tiroler Gewerkschaftsbund sowie die Arbeiter- und Landarbeiterkammer ein. Die Ernte­helfer erhielten vom Unternehmer eine Nachzahlung.

Ein Jahr später, im Oktober 2014, gab es erneut Aufregung um die Entlohnung von Ernte­helfern durch einen Absamer Bauern, nachdem sich zwei Rumänen an die Gewerkschaft gewandt hatten. Der Fall landete vor Gericht und endete nach langem Rechtsstreit vor knapp zwei Monaten mit einem Vergleich: Die Rumänen erhielten 12.000 Euro netto.